Ihr süßen Worte

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Ludwig Tieck: Ihr süßen Worte Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Ihr süßen Worte,
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Ihr leichtbeschwingte sanfte Reime,
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Die mit dem zarten Klange,
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Summend mit dem harmon'schen Flügel
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Durch die Bäume
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Ueber Berge fliegt und Hügel,
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Liebkoset euch auf eurem Gange
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Und nahet euch demüthig jenem Orte,
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Wo reizend steht die Schönste unter Schönen,
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Da wollet tönen
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Und sagen, klagen, wie mein Herz schon lange
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Entbehrt des Lebens. Schürzet euch zum Reisen,
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Die lieblichste der Weisen
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Legt an, und weint und lacht, wenn euch zum Gruße
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Die Sprache fehlt, so redet wie die Liebenden im Kusse.

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Ihr goldnen Sterne,
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Vom hohen blauen Meer ihr Blicke,
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Die mir sonst hold gewinket,
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Wollt jetzt mit zorn'gen Lichtern scheinen?
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Jenes Glücke,
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Ach! das seeligste Vereinen
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Wie ich es halten will, versinket,
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Und ich muß klagen: wieder ist sie ferne!
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Ein Widerhall tönt aus dem tiefen Herzen,
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Und alle Schmerzen
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Beleben heben sich und jeder trinket
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Mit schadenfroher Angst von meinen Thränen.
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Ach! dürft ich wähnen
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Daß bald im Wechsel jener Morgen tage,
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Der schlagend Herz zum Herzen, Kuß zum Zwillingskusse trage.

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Schon vormals brannten
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Die Blicke, hingejagt vom Sehnen
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Das spähend über Klüfte
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Noch kaum erkannte sein Verlangen,
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Wehmuths-Thränen
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Mußten in den Augen hangen,
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Die Gartenlauben schienen Grüfte:
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Bis liebend sich die Seelen dann erkannten,
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Da brach nun auf, gelockt von Frühlings-Sonne
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Die goldne Wonne,
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Mit Kosen Rosen hauchten Liebesdüfte,
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Die Farben glänzten nur von ihrer Schöne,
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Es sagten alle Töne:
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Sie liebt! ich sah den Wald und Garten prangen,
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Von jedem grünen Zweige schaukelnd Liebesgötter hangen.

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Doch kaum gefunden
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Wonach die durstgen Augen lange
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Und das Gehör geschmachtet,
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Als beide deine Lieb' empfangen,
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Wie so bange
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Wieder alle Freuden schwanden,
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Das Herz, vom Licht geküßt, umnachtet,
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Und ungeheilet bluteten die Wunden.
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Soll nicht im Dunkel neu Entzücken leuchten?
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Auf rosenrothem feuchten
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Mund bebtet schwebtet Küsse ihr und lachtet.
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Ich mußte schon dem nackten Wort erliegen,
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Nun wollt' es kriegen
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Und sprang in Rüstung her und rief: Verstehen
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Sollst du nun die Gewalt der Lippen und im Kuß vergehen!

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Und sanft zerdrücket
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Ward nun das Liebeswort, gesprochen
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Kaum, ward es Schallen,
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Und auch das rothe süße Lachen
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Ward zerbrochen,
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Und sank unter wie ein Nachen
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Wenn stürmend Wogen über Wogen wallen,
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So jagte Kuß den Kuß, und wie entzücket
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Die Lippen fechten sind empor geschwungen
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Die Freudenthränen auch zum Kampf gedrungen,
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Jedwede Rede wird ein jauchzend Lallen,
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Die Seelen grüssen sich und ohne Klänge
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Ertönen hell und lieblich die Triumph- und Siegsgesänge.

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Spannt eine Brück' ihr her wie Regenbogen,
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Ihr lichten Reime,
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Daß sie nicht säume
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Und mit der Liebe Kriegszeug hergezogen
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Aus todter Weite,
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Von neuem mit mir streite;
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Im Wald, im Quell, umher in allen
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Bewegten Blumen hör' ich Kuß und Liebesgötter schallen,
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Es tönt von wundersamen Glücke
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Ein Strom von Melodieen,
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Drum komm zurücke
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Daß noch im Sommerglanz neu unsre Herzen blühen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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