Sei du mein Gesang, o weisse

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Ludwig Tieck: Sei du mein Gesang, o weisse Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Sei du mein Gesang, o weisse,
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Heil'ge, sanfte Liebeslilge;
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Wenn ich dich mit Lippen küsse
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Weißt du, wie ich innig liebe.
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Keiner soll die Rose schelten,
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Deren süsses Blut durchdringet
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Unser Blut mit froher Sehnsucht,
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Zündet in dem Herzen Schimmer:
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Aber wer den blauen Aether
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Kannte und das Licht des Himmels,
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Und die stille Kraft der Wellen,
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Liebt auch dich, holdsel'ge Lilge.

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Unter Felsen, unter Wäldern,
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In dem einsamsten Gefilde,
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Wo nur heilig Rauschen wohnte,
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Geister in den Quellen rieselnd
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Mit den Bäumen sich besprachen
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Und sich in dem Echo riefen,
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Lebten zwei Geliebten glücklich,
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Selig ganz in ihrer Liebe,
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Aus der wüsten Welt geflohen
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Fanden sie die Ruhe wieder
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Und ihr Herz in Blumen, Bäumen,
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Bergen und der heil'gen Stille.
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Einst, als sie nach langen Küssen
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Sich beglückt in Armen hielten,
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Und die Blicke zu einander
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Sehnsüchtig, befriedigt spielten,
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Blickte er in ihre Augen,
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Sie in seines Herzens Tiefe,
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Und so wie aus Geisterbrunnen
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Stiegen beiden in die lichten
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Augen auf zwei große Thränen,
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Die sie fest im Zittern hielten.
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Was bedeuten, sprach er seufzend,
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Die Gefühle, Liebe, diese
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Wehmuthsvollen süßen Thränen,
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Die in Andacht du erwiederst?
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Nein, ich mag sie nicht verbergen,
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Gern hab' ich sie dir gewiesen,
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Und die Thräne soll nicht rinnend
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Aus dem Blicke niederfliessen. –
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Ein Geheimniß ist es, sprach sie,
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Wonach diese Wasser zielen,
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Das sie gerne mit der Andacht
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Wollen aus dem Herzen ziehen,
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Aber schwach sind ihre Arme,
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Und es fällt in's Dunkle wieder,
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Und ermüdet sinkt die Thräne
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Ueber unsre Wange nieder. –
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Also nur ist Erd' und Wasser,
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Sang er, Luft, Licht und Gestirne
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Aus der Sehnsucht hergequollen,
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Ein Geheimniß aufzufinden:
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Klar im Golde funkelt Sehnsucht,
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Süß Ermatten glänzt im Silber;
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Wollte sich doch deine Thräne
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Auch gestalten als Erinnrung!
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Ward ja aus der Fluth Geheimniß
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Doch der Bau der Welt gebildet.
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Süße Geister, regt euch alle,
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Daß ein Sein der Thrän' entquille,
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Und ein neues Gold wird leuchten
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Süßer, sanfter, glänzen milder. –
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Und es waren Geister nahe,
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Die im Quell mit Blumen spielten,
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Sie erhörten das Gebet, die
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Thränen sanken, Blumen fielen,
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Griffen, hielten fest die Erde,
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Und geheimnißvoll zwei Lilien
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Sahen hin auf die Entzückten,
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Inn'ger fühlten sie die Liebe.
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Sanfte, goldne, silberweiße,
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Also wardst du, Liebeslilge.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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