Wer ist dort der alte Mann

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Ludwig Tieck: Wer ist dort der alte Mann Titel entspricht 1. Vers(1813)

1
Wer ist dort der alte Mann,
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In einer Ecke fest gebunden,
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Daß er sich nicht rührt und regt?
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Vernunft hält über ihn Wache,
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Sieht und erkundet jede Miene.
6
Der Alte ist verdrüßlich,
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Um ihn in tausend Falten
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Ein weiter Mantel geschlagen.

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Es ist der launige Phantasus,
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Ein wunderlicher Alter,
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Folgt stets seiner närrischen Laune;
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Sie haben ihn fest-gebunden,
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Daß er nur seine Possen läßt,
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Vernunft im Denken nicht stört,
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Den armen Menschen nicht irrt,
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Daß er sein Tagsgeschäft
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In Ruhe vollbringe,
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Mit dem Nachbar verständig spreche
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Und nicht wie ein Thor erscheine.
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Denn der Alte hat nie was Kluges im Sinn,
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Immer tändelt er mit dem Spielzeug
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Und kramt es aus, und lärmt damit
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So wie nur nicht nach ihm gesehn wird.

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Der alte Mann schweigt und runzelt die Stirn,
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Als wenn er die Rede ungern vernähme,
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Schilt gern alles langweilig,
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Was in seinen Kram nicht taugt.
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Der Mensch handelt, denkt, die Pflicht
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Wird indeß stets von ihm gethan;
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Fällt in die Augen das Abendroth hinein,
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Stehn Schlummer und Schlaf aus ihrem Winkel auf
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Da sie den Schimmer merken.
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Vernunft muß ruhn und wird zu Bett gebracht,
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Schlummer singt ihr ein Wiegenlied:
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Schlafe ruhig, mein Kind, morgen ist auch noch ein Tag!
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Mußt nicht alles auf einmal denken,
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Bist unermüdet und das ist schön,
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Wirst auch immer weiter kommen,
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Wirst deinem lieben Menschen Ehre bringen,
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Er schätzt dich auch über alles,
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Schlaf' ruhig, schlaf' ein. –
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Wo ist meine Vernunft geblieben? sagt der Mensch,
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Geh' Erinnrung, und such' sie auf.
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Erinnrung geht und trifft sie schlafend,
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Gefällt ihr die Ruhe auch,
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Nickt über der Gefährtin ein.
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»nun werden sie gewiß dem Alten die Hände frei machen,«
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Denkt der Mensch, und fürchtet sich schon.
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Da kömmt der Schlaf zum Alten geschlichen,
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Und sagt: mein Bester, du mußt erlahmen,
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Wenn dir die Glieder nicht frei gelöset sind,
52
Pflicht, Vernunft und Verstand bringen dich ganz herunter,
53
Und du bist gutwillig, wie ein Kind. –
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Indem macht der Schlaf ihm schon die Hände los,
55
Und der Alte schmunzelt: sie haben mir viel zu danken,
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Mühsam hab' ich sie erzogen,
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Aber nun verachten sie mich alten Mann,
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Meinen, ich würde kindisch,
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Sei zu gar nichts zu gebrauchen.
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Du, mein Liebster, nimmst dich mein noch an,
61
Wir beiden bleiben immer gute Kameraden.
62
Der Alte steht auf und ist der Banden frei,
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Er schüttelt sich vor Freude:
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Er breitet den weiten Mantel aus,
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Und aus allen Falten stürzen wunderbare Sachen
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Die er mit Wohlgefallen ansieht.
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Er kehrt den Mantel um und spreitet ihn weit umher,
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Eine bunte Tapete ist die untre Seite.
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Nun handthiert Phantasus in seinem Zelte
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Und weiß sich vor Freuden nicht zu lassen.
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Aus Glas und Krystallen baut er Schlösser,
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Läßt oben aus den Zinnen Zwerge kucken,
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Die mit dem großen Kopfe wackeln.
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Unten gehn Fontainen im Garten spatzieren,
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Aus Röhren sprudeln Blumen in die Luft,
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Dazu singt der Alte ein seltsam Lied
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Und klimpert mit aller Gewalt auf der Harfe.
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Der Mensch sieht seinen Spielen zu
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Und freut sich, vergißt, daß Vernunft
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Ihn vor allen Wesen herrlich macht,
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Spricht: fahre fort, mein lieber Alter.
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Und der Alte läßt sich nicht lange bitten,
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Schreiten Geistergestalten heran,
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Zieht die kleinen Marionetten an Fäden
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Und läßt sie aus der Ferne größer scheinen.
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Tummeln sich Reuter und Fußvolk,
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Hängen Engel in Wolken oben,
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Abendröthen und Mondschein gehn durch einander.
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Verschämte Schönen sitzen in Lauben,
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Die Wangen roth, der Busen weiß,
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Das Gewand aus blinkenden Strahlen gewebt.
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Ein Heer von Kobolden lärmt und tanzt,
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Alte Helden kommen von Troja wieder,
94
Achilles, der weise Nestor, versammeln sich zum Spiel
95
Und entzweien sich wie die Knaben. –
96
Ja, der Alte hat daran noch nicht genug,
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Er spricht und singt: Laß deine Thaten fahren,
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Dein Streben, Mensch, deine Grübelei'n,
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Sieh, ich will dir goldne Kegel schenken,
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Ein ganzes Spiel, und silberne Kugeln dazu,
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Männerchen, die von selbst immer auf den Beinen stehn,
102
Warum willst du dich des Lebens nicht freun?
103
Dann bleiben wir beisammen,
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Vertreiben mit Gespräch die Zeit,
105
Ich lehre dich tausend Dinge,
106
Von denen du noch nichts weißt. –
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Das blinkende Spielwerk sticht dem Menschen in die Augen,
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Er reckt die Hände gierig aus,
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Indem erwacht mit dem Morgen die Vernunft,
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Reibt die Augen und gähnt und dehnt sich:
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Wo ist mein lieber Mensch?
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Ist er zu neuen Thaten gestärkt? so ruft sie.
113
Der Alte hört die Stimme und fängt an zu zittern,
114
Der Mensch schämt sich, läßt Kegel und Kugel fallen,
115
Vernunft tritt in's Gemach.
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Ist der alte Wirrwarr schon wieder los geworden?
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Ruft Vernunft aus, läßt du dich immer wieder locken
118
Von dem kind'schen Greise, der selber nicht weiß
119
Was er beginnt? –
120
Der Alte fängt an zu weinen,
121
Der Mantel wieder umgekehrt
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Ihm um die Schultern gehängt,
123
Arm' und Beine festgebunden,
124
Sitzt wieder grämlich da.
125
Sein Spielzeug eingepackt,
126
Ihm alles wieder in's Kleid gesteckt
127
Und Vernunft macht 'ne drohende Miene.
128
Der Mensch muß an die Geschäfte gehn,
129
Sieht den Alten nur von der Seite an
130
Und zuckt die Schultern über ihn.
131
Warum verführt ihr mir den lieben Menschen!
132
Grämelt der alte Phantasus,
133
Ihr werdet ihn matt und todt noch machen,
134
Wird vor der Zeit kindisch werden,
135
Sein Leben nicht genießen.
136
Sein bester Freund sitzt hier gebunden,
137
Der es gut mit ihm meint.
138
Er verzehrt sich und möcht' es gern mit mir halten,
139
Aber ihr Ueberklugen
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Habt ihm meinen Umgang verleidet
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Und wißt nicht, was ihr mit ihm wollt.
142
Schlaf ist weg und keiner steht mir bei.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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