O mein Sohn, wie gräßlich heulend

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Ludwig Tieck: O mein Sohn, wie gräßlich heulend Titel entspricht 1. Vers(1813)

1
O mein Sohn, wie gräßlich heulend
2
Klagt herauf vom Moor die Unke!
3
Hörst du wohl die Raben krächzen?
4
Die Gespenster in dem Sturme? –

5
Vater, laßt die Sorge fahren,
6
Denn die Wolken ziehn hinunter;
7
Bald wird sie der Mond bezwingen,
8
Der zu scheinen schon begunnte.

9
Durch die Thäler streift der Nebel,
10
Schon erglänzen fern die Burgen,
11
Schaut, schon leucht't das Crucifixe,
12
Das Capellenbild da drunten. –

13
Ach, du Crucifixe gütig,
14
Laß vom Schatten dich verdunkeln!
15
O Maria-Bild, sei gnädig,
16
Bleib in Finsterniß verschlungen!

17
Laßt ihn los, den alten Sünder,
18
Fahren laßt den alten Wulfen:
19
Tod und Sünde seine Freunde,
20
Und die Hölle ihm verbunden!

21
Wie die Nacht bald leucht't bald dämmert,
22
Schauernd in dem Wolkenzuge,
23
Ist es wie ein tiefes Auge,
24
Da der Erbfeind herblickt dunkel.

25
Wie die Wälder sausen, schallen,
26
Rauschen ab die Felsenbrunnen,
27
Hör' ich Wald, Thal, Berg und Klüfte
28
Summen: Komm zu uns herunter. –

29
Und es spricht sein Sohn ihm tröstend,
30
Der ihn liebt, Sohn Sigismunde:
31
Ach mein Vater, wär' vorüber
32
Diese schreckenvolle Stunde!

33
Soll ich nach dem Beicht'ger laufen?
34
Nach dem Arzt, daß ihr gesundet?
35
Soll ich beten? Geht zum Heiland,
36
Tröstet euch an seinen Wunden.

37
Wollt ihr sterben, alter Vater,
38
Von Verzweifeln, Angst bezwungen?
39
O wie faß' ich doch die Seele,
40
Die sich Gott und Heil' entrungen?

41
O besinnt euch auf die Güte,
42
Auf die ew'ge, ew'ge Tugend,
43
Die herab uns sprang, den Sündern,
44
Von des Gottessohnes Blute.

45
Denkt den Vater, denkt Marien,
46
Unsrer ew'gen Liebe Mutter,
47
Denkt den Geist, das unergründlich
48
Heilig und dreyfaltig Wunder.

49
Daß wir leben, sind wir Sünder,
50
In dem Tod die Lilienblume;
51
Reue kann uns Gott versöhnen,
52
Auf macht er die Heiligthume.

53
Unsre Angst klopft an die Pforten:
54
Auf, o lieber Vater, thue!
55
An dem Schlosse sitzt Erbarmen,
56
Schiebt den Riegel bald zurucke.

57
Ohne Schätzung ist der Himmel,
58
Dennoch mag er Kauf erdulden;
59
Unsre Thränen nimmt Sankt Peter,
60
Schätzet sie als Münze gulden.

61
Schnee und Regen gehn hernieder,
62
Alle Ströme gehn bergunter,
63
Jeder Stein, hinaufgeschleudert,
64
Muß zur Erd' herab zur Stunde:

65
Also zieht den Menschen Sünde,
66
Niemals kann er ganz gesunden,
67
Daß er aufrecht schaut zum Vater,
68
Sind die himmlischen fünf Wunden.

69
Da kam Himmelreich hernieder,
70
Aus fünf Quellen wonnig blutend,
71
Da erwuchs das Paradiese,
72
Aus fünf Wunden göttlich blumend.

73
Da erschrak die Erde freudig,
74
Und zerborst in große Kluften,
75
Und die Herzen wurden offen,
76
Gottes Liebe faßte Wurzel.

77
Blüht hinein in seinen Himmel,
78
Wachst hinauf in seine Ruhe,
79
Rankt hinan in schön Gebeten:
80
Große Kraft hat Herz und Zunge.

81
Ihr seid selbst ein Zweig vom Baume,
82
Welcher steht in Gottes Grunde;
83
Alle Zweig' und Laub sind Engel,
84
All' formirt zu seinem Ruhme. –

85
Abwärts wandte sich der Alte,
86
Weil er keine Gnade wußte,
87
Denn sein Ohr vernahm die Worte,
88
Doch sein Herz war fern vom Muthe.

89
Du mein einzig Kind, begann er,
90
Niemals ward dir Schwester, Bruder;
91
Als sie dich gebar, da schied sie,
92
Deine treue fromme Mutter.

93
Nur auf kurze Zeit geliehen
94
War dem Frevler Kunigunde;
95
Du warst fromm, mein Sohn, und heilig
96
So wie ihre Todesstunde.

97
Und so oft dein Blick geleuchtet,
98
Sah ich immer diese Stunde;
99
Und mein Herz zerriß die Sorge,
100
Schnürte fester mich im Bunde.

101
Darum war ein grimmer Wechsel
102
Stets von Haß und Lieb' im Busen.
103
Bei der Wiege stand ich lauernd,
104
Und mein Arm den Dolch erhube.

105
Aber dann die stillen Augen,
106
Die sich aus einander schlugen,
107
Brachten Furcht und Liebe wieder,
108
Und die Angst ward wieder Ruhe.

109
Also bist du mir erwachsen,
110
Immer war mir fremd dein Thuen;
111
Liebst du mich mit ganzer Seele,
112
Kannst mir doch nicht stehn zum Schutze.

113
Innerst recht in meiner Seele
114
Sind die Kräfte, die da unten,
115
Gottlos abgewandt vom Heile,
116
In der Frevel Tiefe wuchern.

117
Nicht ist mir der Christ gestorben;
118
Andern Mächten, mit dem Blute,
119
Das ich, trotzend ihm, vergossen,
120
Bin ich eisenfest verbunden.

121
Mir sind andre Paradiese,
122
In dem Graus sind meine Blumen;
123
Himmelsmächten widerstrebend
124
Folg' ich meinem dunkeln Fluge. –

125
Weinend nimmt der Sohn die Hände,
126
Weinend spricht der Sigismunde:
127
Vater, was ihr fehltet, gebt mir,
128
Gebt mir, ach! die trübe Kunde.

129
Daß uns Gott erlösen wollte
130
Von dem allerschlimmsten Bunde,
131
Drum gab er den Eingebohrnen:
132
Himmel ist uns so gefunden.

133
Jedem Sünder, der ihm traute,
134
Ist Vergebung noch gelungen.
135
Der Allmächt'ge kann vergeben,
136
Und es will auch der Allgute.

137
Nur nicht widerstrebt dem Geiste,
138
Ohne Sühnung ein Verschulden;
139
Diese Sünde thut ihr, Vater,
140
Wenn Verzweiflung obgerungen.

141
Leben, Blut und Herz und Glauben
142
Will ich auf zum Werke rufen,
143
Alle Kräfte sollen streiten,
144
Siegen ob dem schlimmsten Truge. –

145
Da erwacht der alte Vater,
146
Sehnend wie aus einem Schlummer,
147
Und es rinnen große Thränen
148
Seinem trüben Aug' hinunter.

149
Auf, so spricht er, was der Himmel
150
Für Gewalt erleid', versuche;
151
Ob so späte Reu im Sterben
152
Wiederbring' verlohrne Tugend.

153
Geh' hinunter nach dem Walde:
154
Was die Zeichen dort im Grunde
155
Aller Welt verbergen, hohle.
156
Betend find' ich dann wohl Ruhe. –

157
Und was sind denn diese Zeichen?
158
Deine Reden sind mir dunkel.
159
Wie soll ich in Nacht sie treffen?
160
Wo im Walde soll ich suchen? –

161
Kennst du nicht, fernab im Forste,
162
Tief ein Thal, von Tannen dunkel,
163
Wo ein Stein, bekreuzt mit Dolchen,
164
Weiß dasteht auf trübem Grunde?

165
Oftmals hast du mich gefraget,
166
Wann wir jagten in der Runde,
167
Was der Stein bezeichnen solle;
168
Noch verschwieg ich dir die Kunde.

169
Das ist nun das erste Zeichen,
170
Mir ein Zeichen meines Kummers,
171
Den erhebe, bringe zu mir,
172
Was du finden wirst da drunten.

173
Und zwey Dolche wirst du finden
174
In der Erde wenig Schuhe.
175
Ach, damit hab' ich erstochen
176
Ihn, den Liebling meiner Jugend.

177
An dem Platze war's geschehen,
178
Und da setzt' ich meiner Tugend
179
Dieses Zeichen, die gestorben
180
In des liebsten Freundes Blute.

181
Aufgekeimt wie junge Lämmer
182
Spielten wir in jeder Stunde,
183
Er bewohnte, die du jenseits
184
Schimmern siehst, die alten Burgen.

185
Mit dem Alter wuchs die Liebe,
186
Und er hieß mich seinen Bruder,
187
Und gelobte, wann er stürbe
188
Mir zu geben seine Burgen.

189
Nahm mich freundlich in die Arme,
190
Und versprach mit einem Schwure,
191
Eine Gattinn nie zu freyen,
192
Nimmer um ein Weib zu buhlen.

193
Also schrieb er selber nieder,
194
Bald darauf erhielt ich Kunde,
195
Daß er oft hinüber ritte
196
Zu der schönen Kunigunde.

197
Da erwacht' es wie ein Grausen
198
Tief in meines Herzens Grunde,
199
Geister rotten sich zusammen,
200
Steigen aus dem finstern Schlunde.

201
Diese Veste nur die meine,
202
Sie die ärmste in der Runde,
203
Und die Fremde als das schönste
204
Weib in jedes Mannes Munde.

205
Sie besucht' ich, sah sie selber,
206
Fühlte bald die tiefe Wunde,
207
Die mir Sinn und Leben raubte;
208
Dachte sie nur jede Stunde.

209
Alle Freundschaft ward vergessen,
210
Was er that zu meinen Gunsten,
211
Die Gestalt, sein lieblich Wesen,
212
Kuß und Handdruck war verschwunden.

213
Der Begierde Stachel fühlend,
214
Der je scharf und schärfer wurde,
215
Mied ich ihn, wo ich ihn schaute,
216
Furchte mich vor seinem Gruße.

217
Meine Liebe ward ihm fremde,
218
Ihn gereute seine Jugend,
219
Und er freite um die Schöne
220
Bei den Eltern Kunigundens.

221
Lieber war ich ihr geworden,
222
Sie versprach mit einem Kusse
223
Mein zu seyn, doch war ihr Vater
224
Jenem hold, ob seinem Gute.

225
Also traf ich ihn im Holze,
226
Haß und Brunst in meinem Muthe,
227
Daß ich ihn schnell ohn' Erbarmen
228
Mit der Lanze niederschluge.

229
Und die Dolche waren plötzlich
230
In der Hand, ob ich nicht wußte
231
Wie, woher; so eilt der Böse
232
Daß in uns erstirbt das Gute.

233
Seine Augen baten flehend,
234
Zugeschlossen war mein Busen,
235
Und das Herz, das mir geschlagen,
236
Das zerstach ich, der Verfluchte.

237
Trennte drauf das Haupt, das liebe,
238
Mit dem Schwerdte von dem Rumpfe,
239
Und verbarg es in der Erde,
240
Weiter ab im dunkeln Grunde.

241
Dieses ist das zweite Zeichen.
242
Gehe hin, den Stein verrucke,
243
Bringe den geliebten Schädel,
244
Eh' ich zu die Augen drucke.

245
Weiter ab, wo Wald zu Ende,
246
Steht bei dem Wachholderbusche
247
Endlich noch das dritte Zeichen.
248
Ach, wo find' ich davor Ruhe?

249
Also war mein Freund erblichen.
250
Also starb der edle Kunze.
251
Bald darauf ward ich vermählet
252
Mit der schönen Kunigunde.

253
Und die Freunde meines Freundes
254
Forschten nach, wie er verblutet,
255
Und von mir ward gleich das Schlimmste
256
Von den Forschenden vermuthet.

257
Angeklagt des schnöden Mordes
258
Ließen mich die Richter rufen;
259
Und ich fand den strengsten Richter
260
Schon in meinem eignen Busen.

261
Schwer im Wochenbett darnieder
262
Lag die Gattin Kunigunde,
263
Und es hatte sich der Kranken,
264
Wie sie starb, ein Sohn entwunden.

265
Alles Glück war abgeschlachtet,
266
Meine Brust die Mördergrube:
267
Ehre, Hoffnung, Liebe, Leben
268
Ausgetilgt, und jedem Buben

269
War mein Herz nun Preis gegeben;
270
Um mich grinsten Höllenhunde,
271
Und ich riß mit wüstem Streben
272
Das, was mich an Gott gebunden.

273
Mitternacht lag auf dem Lande,
274
Da verließ ich dich im Schlummer,
275
Und die Leiche meiner Gattin;
276
Ging hinab die hohen Stufen.

277
Wild zur Wildniß ging ich nieder,
278
Sternen und dem Himmel fluchend:
279
Nach der Nacht streckt' ich die Arme,
280
Und der Mond ging trübe unter.

281
Daß die Klüfte wiederschallten,
282
Fing ich an so laut zu rufen.
283
Eingeweiht zu tieferm Grausen
284
Ward ich bald den finstern Zunften.

285
Und der böse Feind erschiene
286
Finster meinem bösen Muthe.
287
Und er nahm ein Shreiben von mir,
288
Das ich schrieb mit meinem Blute.

289
Ihm zu eigen mich zu geben,
290
Unter seinem grimmen Schutze
291
Sicher sein mein Leib und Leben,
292
Nur die Seele war verschuldet.

293
Diese Schrift ward eingeschlossen,
294
Daß ich's sah, in erzner Truhe,
295
Unterm Steine eingegraben
296
Dort im dunkelgrünen Grunde.

297
Dieses ist das dritte Zeichen
298
Dorten beim Wachholderbusche.
299
Welche Macht kann es befreien,
300
Bringen mir die Eisentruhe?

301
Reichthum, Ehre ward verliehen
302
Dem, der ab sich that dem Guten.
303
Heute ist der Preis verfallen,
304
Und ich fühl' der Hölle Ruthen.

305
Kannst du mir die Zeichen bringen,
306
Ist es dir, o Sohn, gelungen,
307
O so möcht' es mir gerathen,
308
Daß ich mich hinaufgeschwungen.

309
Sieh, der Mond scheint hell und heller,
310
Ach, so liebe Sterne lugen
311
In den Grund hinab, und sanfte
312
Herrscht im Thal und Wald die Ruhe.

313
In sich klingt der Himmelsbogen,
314
Regnen nieder Seegensfluthen,
315
Ein Erbarmen winkt von oben:
316
Eile denn zum Wald hinunter. –

317
Wie der Sohn dem Vater anschaut,
318
Will er ihm so fremd bedunken.
319
Schaudernd wendet er sich von ihm,
320
Geht hinab die Felsenstufen.

321
Und er naht dem Crucifixe,
322
Der Capelle dort im Grunde;
323
Und er wirft sich knieend nieder,
324
Betet da in tiefen Brunsten.

325
Erd' und Himmel, Berg und Waldung,
326
Blum' und alle Creaturen,
327
Er sich selber, sind wie Fremdling,
328
Findet nicht die vor'gen Fluren.

329
Taumelnd tritt er in den Wald ein,
330
Irrend sucht er wohl die Spuren
331
Die ihn nach den Zeichen leiten,
332
Die er sonst im Thal gefunden.

333
Durch die Blätter geht ein Flüstern,
334
Lichter gehn ihm vor dem Fuße,
335
Da erblickt er mit den Dolchen,
336
Weißen Stein auf dunklem Grunde.

337
Mühsam wälzt er fort den Marmor,
338
Und er gräbt nur wenig Schuhe:
339
Sieh, da sind die beiden Dolche,
340
Und er steckt sie in den Busen.

341
Weiter geht er, bange sinnend,
342
Jenes zweite Zeichen suchend;
343
Fern ab jenem lenkt der Stein ihm
344
Seine Schritte, wohl zweihundert.

345
Schwerer ist der abzuwälzen,
346
Nach dem Zeichen wächst sein Hunger,
347
Sollten ihm die Sehnen reissen,
348
Achtet's nicht; es ist gelungen.

349
Aus dem Boden steigt ein Schädel,
350
Und er hört fernab ein dumpfes
351
Winseln, ob es Geister wären,
352
Oder ein Geheul der Unken.

353
Und der Wald ist schon zu Ende;
354
Nahend dem Wachholderbusche
355
Sieht er auf dem größten Steine
356
Eine Menschenbildung ruhen.

357
Fort da, Fremdling! Du mußt weichen,
358
Diesen Ort muß ich durchsuchen,
359
Denn da unten liegt ein Kleinod
360
Von des Vaters Eigenthume.

361
Wie so unhold? sagt der Fremde;
362
Wohlbekannt ist deine Jugend;
363
Sonst war mir ein Freund dein Vater,
364
Denn ich heiß' mit Namen Kunze.

365
Kunze ist dein Name, sprichst du?
366
Ruft erschreckend aus der Junge;
367
Der ist todt, so sagt mein Vater,
368
Und begraben längst, der Gute.

369
Wird noch stets sein Wahnsinn irren?
370
Sprach der Mann mit dumpfer Zunge,
371
Sollen wir uns nie versöhnen?
372
Nimmer ist es mir gelungen.

373
Zwietracht hielt uns lang' entfremdet,
374
Und er wähnt, daß er erschluge
375
Seinen treusten Freund und Liebsten,
376
Seinen besten Waffenbruder.

377
Freudenthränen weint der Jüngling,
378
Da der diese Wort' anhube.
379
O so kommt mit mir! mein Vater
380
Ist schon nahe seiner Grube.

381
Zeig' ihm jetzt dein Angesichte,
382
Daß er Wähnen von sich thue,
383
Daß er fröhlich möge sterben
384
Und in Gottes Schooß dann ruhe.

385
Ach, wie soll ich dir vergelten,
386
Was du mir erzeigst so Gutes?
387
Wiederum darf ich ihn lieben,
388
Denn er ist ja rein vom Blute.

389
Nebenher gehn Beide rückwärts,
390
Große Schatten auf den Fluren,
391
Und der Fremde dünkt so seltsam,
392
Wie er schreitet, Sigismunden.

393
Nachtgevögel schwärmt herüber,
394
Und Geschrei erfüllt die Kluften.
395
Sieh, da stehn sie vor dem Schlosse,
396
Welches golden liegt im Dufte.

397
Laß uns nicht den Umweg nehmen
398
Vor dem Crucifix da drunten,
399
Sagt der fremde Mann; hier oben
400
Geht ein Fußpfad, den ich wußte,

401
Als ich sonst mit deinem Vater
402
Spiele trieb in diesen Schluften.
403
Und der Jüngling folgt ihm gerne,
404
Doch nimmt dieser Steig ihn Wunder,

405
Denn so oft er hier gewandelt,
406
Hat er nie den Weg gefunden.
407
Um so bälder, sagt er freundlich,
408
Bringen wir dem Alten Ruhe.

409
Und sie gehn hinauf die Stiegen,
410
Wendeltreppen, welche dunkel.
411
Schon erglänzt aus dem Gemache
412
Licht, das bei dem Alten funkelt.

413
Und es öffnet sich die Thüre,
414
Und sie treten in die Stube,
415
Und der Alte fällt zurücke
416
Sich entsetzend, aus dem Stuhle.

417
O mein Sohn, sind dies die Zeichen,
418
Dieses die versprochne Truhe?
419
Du bringst mir an deiner Hand hier
420
Selbst den Feind von meiner Ruhe?

421
Ja, der Menschen Erbfeind ist es. –
422
Kennst du mich? so fragt der Dunkle;
423
Nimm hier, was du mir geschrieben,
424
Deine Seel' nehm' ich hinunter.

425
Wieder braust der Sturm und heulet
426
Rasselnd her vom alten Thurme,
427
Und die Raben krächzen lauter,
428
Und es dröhnt der Ton der Unken.

429
Winselnd windet sich der Alte,
430
Und der Satan schlägt ihm Wunden,
431
Todt liegt er in seinem Bette.
432
Als der Morgen aufgedunkelt.

433
Aber fremd sind alle Züge,
434
Keine Miene kennt der junge,
435
Nicht mehr weiß, ob's Traum gewesen
436
Oder Wahrheit, Sigismunde.

437
Er bestattet ihn zur Erden
438
Wo die Zeichen stehn im Grunde,
439
Macht sich selbst zum Eremiten,
440
Traurend von derselben Stunde.

441
Thut sich ab der Ritterkleider,
442
Pönitenz und schwere Bußen
443
Uebt er Tag wie Nacht, und singet
444
Requiem dem todten Wulfen.

445
Nun hört man das Glöcklein schallen
446
Durch der Nächte stille Ruhe,
447
Seine Stimme weint dazwischen,
448
Daß er Gottesdienste thue.

449
Keinen Menschen sieht er wieder,
450
Nähret sich von Kraut und Wurzeln,
451
Gott nur will er gern versühnen;
452
Bald verfallen seine Burgen.

453
Durch das Thal sieht man ihn schleichen,
454
Gram verzehrt die frische Jugend.
455
Bauern fanden seinen Leichnam,
456
Legten ihn in's Grab zur Ruhe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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