Käme doch der Frühling! seufzt' ich oftmals

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Ludwig Tieck: Käme doch der Frühling! seufzt' ich oftmals Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Käme doch der Frühling! seufzt' ich oftmals,
2
Daß der süße Blumenduft, das Flüstern
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Holder Birken und das Lied der Lerchen
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Meine heißen Thränen trocknen möchten! –
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Und in jedem Jahre kam der Frühling,
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Und in jedem Jahre weint' ich Thränen:
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Töne, Blumen, holdes Baumgeflüster,
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Alles ging wie scheu mir aus dem Wege,
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Nichts, das meinen heißen Busen kühlte:
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Und ich flehte nicht mehr um den Frühling.
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Kläglich kam er, kaum daß ich's bemerkte,
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Düster blickt' ich in sein grün Gewebe,
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Dachte: bist nicht besser als die andern! –

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Hinter mir hört' ich ein leises Rieseln,
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Wie wenn Bächlein über Kiesel jauchzen,
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Hinter mir lief Wind durch das Gebüsche,
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Seitwärts nickten alle Blumen freundlich,
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Und in sanften röthern Strahlen spielte
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Sonnenschein zum grünen Boden nieder.
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Sinnend stand ich jetzt, ein Weilchen zweifelnd
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Was die holde Täuschung um mich zaubre.

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Als ich wieder auf vom Boden blickte,
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Stand ein holder Knabe mir zur Seiten,
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Goldne Locken hingen um die Schläfe,
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Um die Lippen spielte schalkisch Lächeln,
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Sah mich an mit keckem blauen Auge:

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»träumer du! zertritt nicht alle Freuden,
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Die so zart in deinem Wege liegen!« –
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Rief er, hob den Zeigefinger drohend. –
30
Sieh, wie sich auf mein Gebot die Waldung
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Neu begrünt, wie Glanz und süßes Leben
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Sich auf jedem Zweige schaukelt; Blumen,
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Nachtigallen, Düfte, alles ruft dich
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An mit wunderbar-holdseel'gen Tönen;
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Gehst du nicht in deinem eignen Schatten?
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Bist du, Thor, nicht selber dir im Wege?

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Stracks voll Mismuth ward mein banger Busen:
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Kinder, sagt' ich, sollten nicht so sprechen,
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Thöricht sind sie, haben nichts erfahren,
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Leben ohne Sorge, unbefangen,
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Wissen über Spielgeräth zu urtheln,
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Müssen aber über Kummer schweigen.

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Also sagt' ich ernsthaftlich vermahnend,
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Meinte, daß er sich wohl schämen dürfte,
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Aber laut auf lachte nun der Bube
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Und die Fassung wär' mir fast entgangen.

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Aber als ich herzlich zürnen wollte,
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War Besinnung so wie Zorn entschwunden,
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Und wie von dem heiligsten Entzücken
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Stand ich überwältigt und gefangen
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Mitten in dem allerschönsten Frühling,
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Den mein Herz so lange hergesehnet.
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Meine Wangen fühlt' ich roth erglühen,
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Kühnes Blicks sah ich umher, als wären
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Alle Blumen, alle Freuden meine.
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Mir entgegen streckten sich Gewinde
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Ach! aus Myrthen, zauberischen Rosen,
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Kein Cypressenblatt im ganzen Kranze,
59
Und die schönste Hand streckt' ihn entgegen.

60
Kind! bin ich zum Kinde wieder worden?
61
Rief ich, wollte blöde nach dem Kranze
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Nicht die Hände zitternd strecken. – Wach ich?
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Oder fesselt Schlaf die trüben Sinne,
64
Daß, um mich zu laben goldne Träume
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Wunderbar auf mich herniederspielen?

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Lächelnd sprach der Knabe: Nein, du wachest,
67
Hast bisher im schweren Traum gelegen,
68
So wie jetzt wird 's immer um dich bleiben,
69
Darum weckt' ich dich aus deinen Träumen.

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So viel Wonne konnt' ich nicht ertragen,
71
Wagt' es nicht, dem Kleinen zu vertrauen,
72
Sank in meine Knie, die Blumenkränze
73
Rührten kühlend meine heiße Schläfe. –

74
Du nur kannst mir sagen (sag' es Liebste,)
75
Darf ich wohl dem Wort des Knaben trauen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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