Wie beglückt, wer auf den Flügeln

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Ludwig Tieck: Wie beglückt, wer auf den Flügeln Titel entspricht 1. Vers(1813)

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Wie beglückt, wer auf den Flügeln
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Seiner Phantasieen wandelt,
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Erde, Wasser, Luft und Himmel
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Sieht er in dem hohen Gange.
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Aufgeschlossen sind die Reiche
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Wo das Gold, die Erze wachsen,
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Wo Demant, Rubinen keimen,
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Ruhig sprießen in den Schaalen.
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Also sieht er auch der Herzen
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Geister, welche Rathschlag halten,
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In der Morgen-Abendröthe
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Lieblich blühende Gestalten.
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Phantasie im goldnen Meere
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Wirft, wo sie nur kann, den Anker,
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Und aus grünen Wogen steigen
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Blumenvolle Wunder-Lande.
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Nirgend ruht sie, wer ihr folget
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An dem schönen Zauberbande,
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Steigt in 's Innre, schaut die Kräfte
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Der regierenden Gewalten:
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Wie aus Wasser alle Welten
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Hat der ew'ge Trieb erschaffen,
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Wie das Feuer ihre Wurzel,
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Die in ihren Kindern pranget;
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Und das Licht die höchste Blühte,
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In dem Menschen Lieb' ihr Nahme,
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Wie sich alles dahin stürzet,
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Eilt im brünstigen Verlangen.
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Immer will die Erde aufwärts
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Liebend an der Sonne hangen,
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Und das Feuer hält sie innen
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In sich selber eingefangen;
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So erbiert sie aus den Sehnen
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Liebelechzend reine Wasser,
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Diese sind die Mutter-Thränen,
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Die ihr fließen von den Wangen:
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Und sie läßt die Blumen grünen,
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Keimen läßt sie schöne Pflanzen,
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Berge, Wälder, Flur sind trunken
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In der Wonn', im Liebes-Glanze.
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Dürstend lechzt der Menschenbusen,
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Seele will hinauf gelangen,
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Und in tiefster Inbrunst leise
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Wird des Schaffens Trieb empfangen:
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Denn das Feuer fängt die Liebe,
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Und nun kann sie nicht von dannen,
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Worauf manche tiefe Meister
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Wissenschaft und Kunst ersannen:
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Und am herrlichsten, am freisten
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Die kristallnen Brunnen sprangen,
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Die in Reimen, die in Tönen
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Dichtender Begeistrung klangen.
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Wieder sind es Mutter-Thränen,
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Daß die Kinder ihr entschwanden,
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Daß der lieben süßes Leben
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Um sie in den Steinen starret:
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Aber drinn steht man das Herze,
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Das die ganze Welt erlebet,
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Und der Liebesgeist die Flügel
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Lauter schwinget im Gesange,
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Und der Schäfer hört es rauschen
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Fern an seinem Blumenhange,
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Und sein Herz in Freude zitternd
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Will erwiedern, kann nur stammeln.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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