An Sander

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Friedrich von Matthisson: An Sander (1783)

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Sander, du scheidest? Jezt da immer bänger,
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Immer schwüler und schwüler mir der Tag wird,
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Immer steiler, dornichter, klippenvoller
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Sich durch des Lebens

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Nächtliche Wüsten meine Pfade winden,
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Jeder Schimmer der Hofnung sich verdunkelt,
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Mir kein Quell mehr Labungen strömt, kein kühler
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Schatten mehr wehet;

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Keines der Thale mehr, wo einst mit Liedern
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Wir den rosigen Wonnemond begrüßten,
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In die stille Dämmerung seiner Bäume
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Gütig mich aufnimmt;

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Keine der Rosenlauben mich umduftet,
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Wo dem Liede der Nachtigall wir horchten,
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Wenn im Schimmer wallender Westgewölke
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Hesper erwachte!

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Sanftes Entzücken, Ruh' und Seelenstille
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Wehte, von des umbüschten Seees Ufern,
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Dann des Abends thauender Purpurfittig
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Zu uns herüber!

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Hauche des Frühlings bebten durch die Erlen,
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Beugten lispelnd der jungen Blumenwiese
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Zarte Halme, wiegten sich auf des Seees
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Silbernen Wellen!

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Ach! so erbebten unsre Seelen, Bester!
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So durchwandelt' uns leiser Ahndung Schauer,
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Wann dein Flammengenius, o Begeistrung!
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Nun uns umschwebte.

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Wenn wir, geschlungen Arm in Arm, der Blüthen,
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Und des wehenden Grases und der Saaten,
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Die den grünen Hügel hinunter wallten,
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Herzlich uns freuten!

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Wenn uns der Thauduft und des Baches Rauschen,
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Und des steigenden Mondes stilles Antliz,
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Und der Sterne Reigen in Sommernächten
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Himmlisch entzückte!

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Wenn wir im Weidenthale dich, o Elbe!
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Mit geflügelter Eil vorübergleiten
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Sahn, und ahndend seufzten: Ach! so wird alles,
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Alles dahingehn!

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Wehe! dahingerauscht mit Wetterschnelle
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Sind die Stunden der Freundschaft und der Liebe!
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Keine Klage, Sander, ach! keine Thräne
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Bringt sie uns wieder!

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Scheidet der Winter nicht des Haines Blätter
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Von dem Zweige der sie gebar auf ewig?
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Kehrt zur Mutterquelle des Stromes Woge
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Jemals wohl wieder?

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Edler! wie war mir's wohl an deinem Busen!
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Wie beseligend strömte deine Rede
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Ruhe, Tröstung, Ahndungen, Himmelsfreuden
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Mir in die Seele!

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Kummergewölke schwanden deinem Lächeln,
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Ruhe kehrte dem bangen Herzen wieder,
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Wann dem trostlos Wankenden du die treue
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Bruderhand reichtest!

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Lachend und heiter war mir da die Zukunft,
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Goldne Bilder entschwebten auf den Flügeln
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Süsser Hofnung wonneverkündend ihren
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Zaubergefilden!

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Wehe! dahingerauscht mit Wetterschnelle
62
Sind die Stunden der Freundschaft und der Liebe!
63
Keine Klage, Sander, ach keine Thräne
64
Bringt sie uns wieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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