Lied der Schwermuth

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Friedrich von Matthisson: Lied der Schwermuth (1780)

1
Des schönsten Tages Abend sinkt bekrönt,
2
Mit glanzbesäumten Purpurwolken nieder,
3
Des Haines Bild, vom goldnen Stral verschönt,
4
Blinkt aus des See's krystallnem Spiegel wieder,
5
Durch Feld und Wald und Saatgefilde tönt
6
Die Sängerin der Nächte Zauberlieder,
7
Jezt schwebst du, Herzerfreuerin, o Ruh'!
8
Der müden Schöpfung schlummerträufelnd zu!

9
O Göttin, mit dem Engelangesicht,
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Von Gott zum Trost dem Sterblichen beschieden,
11
Wenn jeder Stab in seinen Händen bricht,
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Du thaust jezt Labung auf das Haupt des Müden,
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Nur mir ins Herz strömst du wie vormals nicht,
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Allgütige! des Himmels süssen Frieden!
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Hast du, die einst mir stets zur Seite stand,
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Den Blik auf ewig von mir weggewandt?

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Dich sucht, in banger, sternenloser Nacht
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Mein Geist, auf naßgeweinter Schlummerstäte,
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Wo nur der Schwermuth trübes Auge wacht,
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Dich, die mich einst zum Erdengott erhöhte,
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Als noch, voll Herrlichkeit und Himmelspracht,
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Des Jugendlenzes erste Morgenröthe,
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O wie so rein, so mild, so wolkenlos
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Ihr schönes Licht auf meine Pfade goß!

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Als mein stillheitres, unbefangnes Herz
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Das grosse Lebensschauspiel noch nicht kannte,
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Bei fremder Freude, wie bei fremdem Schmerz
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Von engelreiner Mitempfindung brannte,
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Und ach! wie oft, geflügelt himmelwärts,
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In Andacht schmolz! – o Ruh! o Gottgesandte!
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Da kränztest du mit Scherz und Freude mich,
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Da nannt' ich Schwester, Busenfreundin dich!

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Im Nachtigallenhain, am Wasserfall,
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Am blumenvollen Hang bebüschter Hügel,
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Im Erlenwald, im bunten Frühlingsthal,
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An mondbeglänzter Bäche klarem Spiegel,
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Im Morgenlicht, im Abenddämmrungsstral,
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Umschwebte wonnesäuselnd mich dein Flügel,
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Auf Rosen hingegossen, wehtest du
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Mir Schlaf und Paradiesesträume zu!

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Oft wenn in schlummerloser Nacht, eu'r Bild
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Mit allen seinen tausend Seligkeiten
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Und goldnen Szenen mir die Seele füllt,
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O holde, ruhgeweihte Knabenzeiten!
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Dann wird die Dunkelheit, die mich umhüllt,
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Noch nächtlicher, und heisse Thränen gleiten;
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Vergebens fleh' ich weinend vom Geschik
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Nur einen Tropfen eurer Lust zurük.

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Vom Strome bittrer Leiden fortgerissen,
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Kennt dich mein zährentrüber Blik nicht mehr,
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O Ruh'! von meinen seligsten Genüssen
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Einst Schöpferin! Wie öd' und freudenleer
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Ist jezt, umnachtet von den Finsternissen
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Des tiefsten Kummers alles um mich her!
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Kein Freund erscheint, kein Stern der Hofnung lacht
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Trostblinkend durch der Zukunft Mitternacht!

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Am Grabe tagt des Lebens Dämmerung!
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Dort sinkt entnervt des Kummers Rechte nieder,
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Hoch zu den Sphären hebt, mit Adlerschwung,
60
Der freie Geist sein sonnigtes Gefieder!
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Wann reichst du mir, o Tod! den Labetrunk?
62
Wann sammlest du den Staub zum Staube wieder?
63
Entschimmre bald dem Ozean der Zeit
64
O Morgenglanz der ernsten Ewigkeit!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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