An ein Dorf

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Friedrich von Matthisson: An ein Dorf (1779)

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Edens Blumen blühn in deinen Thalen,
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Edens Silberquellen
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Schlingen sich durch deine Schattenhaine,
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Buschumkränztes Dörfchen!

5
Gottes Friede schwebt um deine Hütten,
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Wenn der Morgenröthe
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Rosenfarbner, goldbesäumter Schleier
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Lieblich dich umwallet.

9
Gottes Friede schwebt um deine Hütten,
10
Wenn die Nachtigallen,
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Im Getön der dumpfen Abendglokke,
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Schlummerlieder flöten.

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In der Dämmrung deiner Bäume wandeln,
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Arm in Arm geschlungen,
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Schwesterlich wie einst im Garten Adams,
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Seelenruh und Unschuld.

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An der Himmelstöchter Busen trinken
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Mädchen, Greis, und Jüngling,
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Nach des schwülen Erntetages Mühen
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Kraft und süsse Labung.

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Unter deinen Halmendächern wohnen
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Zucht und deutsche Treue,
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Sie, die stolzer Marmorsäle wildes
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Lustgetümmel fliehen.

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Sittsamkeit ist deiner Töchter Erbe,
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Gleich des Maienmorgens
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Purpur, glüht in keuscher Jugendröthe
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Ihre holde Wange.

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Edel sind und kraftvoll deine Söhne!
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Ihrer starken Rechte,
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Ungeschwächt vom Feuerhauch der Wollust,
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Blüht die öde Wüste.

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O daß mir, o Dorf, in deinen Schatten
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Meines Lebens Bächlein
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Ungesehn verränne, rein wie jener
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Wiesenquelle Silber.

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O daß endlich hier am treuen Busen
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Eines edlen Weibes,
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Die beweinte, längstverlorne Ruhe
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Wieder mich umarmte!

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Dort am Abhang jenes Blumenhügels,
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Wo durch Erlenreihen
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Silberblinkend sich das Bächlein windet,
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Wo die Linde flüstert,

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Wo die Eiche Dämmrung streut und Kühle,
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Wo des Thals Gesträuche
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Ihre grünen Lokken in des Seees
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Blauen Fluthen spiegeln,

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Stünde meine weinumrankte Hütte,
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Grünte meine Laube,
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Blühten meines Blumengartens Beete,
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Reiften meine Saaten.

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Jenes Buchenhaines Frühgesänge
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Wekten mich am Morgen,
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Jenes Apfelbaumes Nachtigallen
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Tönten mich in Schlummer!

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Aber ach! der Hofnung Aug' ist trübe!
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Tief der Zukunft Dunkel!
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Schwebt nicht auf des Weltgewimmels Wogen
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Unstät noch mein Nachen?

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Starb der Freude leztes, süsses Lächeln
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Nicht an Laura's Grabe?
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Welkte nicht ihr Kranz, der lebenduftend
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Meine Schläf' umblühte?

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Viel hab' ich geweint, und viel gerungen,
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Viel der Stürm' erduldet!
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Mancher Lenztag meiner Jugendzeiten
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Schwand mir gramumdüstert!

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O! wann wird die Nacht der Schwermuth tagen?
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Wann die Stund' erscheinen,
71
Die mich dir entgegen bringt, o Dörfchen,
72
Oder meinem Grabe?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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