Liebespein

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Friedrich von Matthisson: Liebespein (1778)

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Als ich die Langersehnte fand,
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Mein Herz sich an das ihre band,
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Und, durch geheimen Zauberzug,
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Ihr Busen mir entgegenschlug:

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Da war ich froh in meinem Sinn!
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Da tanzte Tag auf Tag mir hin,
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Wie Bächlein hell im Sonnenschein,
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So lauter und so silberrein!

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Da lachte Freud' und süsse Ruh
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Mir stets ihr blaues Auge zu,
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Die ganze Welt vor mir vergieng,
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Wenn mich ihr Schwanenarm umfieng!

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Da war mir jede Stunde süß,
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Mein Lebenspfad ein Paradies,
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Denn alle Erdenseligkeit
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Lag, sonder Maas drauf ausgestreut.

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Wenn ich an ihrem Busen lag,
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Wiegt' ihres Herzens leiser Schlag
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Mich sanft zu Himmelsträumen ein;
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Und mir schlug dieses Herz allein!

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Wenn uns im Laubdach, kühl und grün,
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Der liebe, volle Mond beschien,
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Sang Hain und Flur mir Sfärensang,
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Und jede Seelensait' erklang.

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Bald wallten wir durch Blumenaun,
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Des Frühlings Zauberpracht zu schaun;
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Doch blikt' ich ihr ins Angesicht,
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Sah' ich die Lenzgefilde nicht!

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Bald ruhten wir auf Quellenmoos,
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Wenn sanft der Abend niederfloß,
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Da drükte heiß sich Mund an Mund,
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Zu festen unsren Liebesbund!

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Wie Maienregen niederfleußt,
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Auf Blütenbäume sich ergeußt:
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Floß jeder Flammenkuß von ihr
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Erlabend in die Seele mir.

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Wir lebten Himmelswohnern gleich,
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Wie sie an tausend Freuden reich,
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Es wogt' und rauscht' ein Wonnemeer,
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Nicht abzusehn, rings um uns her!

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Genug der Freuden, o mein Lied,
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Die einst mir Glüklichem geblüht!
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Hinab! hinab! zum Trauerton,
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Die Freuden alle sind entflohn!

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Sie gab, in leichtem Flattersinn,
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Ihr Herz an einen andern hin!
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Zerriß das goldne Himmelsband,
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Das Lieb' um unsre Seelen wand!

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Das troknete, mit rascher Wuth,
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Wie wilde Hundstagssonnenglut,
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Die Quelle meiner Freuden leer,
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Von Stund' an floß kein Tröpfchen mehr!

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Nun schleicht, bei wintertrübem Sinn,
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Mein Leben langsamtraurig hin,
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Ich irr' in düstrer Mitternacht,
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Von keinem Sternlein angelacht.

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Mein armes, tiefgequältes Herz
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Durchwütet Angst, durchwütet Schmerz;
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Verhasster Sorgen Natternbrut
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Nährt grausam sich von meinem Blut!

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Die Pein, die meinen Busen engt,
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Mich wild bald hie bald dorthin drängt,
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Mir rastlos in die Seele stürmt,
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Mit Wolken stets mein Haupt umthürmt:

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Hat meine Wangen abgebleicht,
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Hinweg die innre Ruh gescheucht,
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Zernagt mich, wie der Morgen graut,
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Bis wenn der kühle Abend thaut!

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Ha! wenn mich jezt die Falsche säh',
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In all dem Ach! in all dem Weh!
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Von Höllenleiden, sonder Zahl,
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Umstrikt zu Folterpein und Quaal:

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Vieleicht daß ihr ein Thränlein denn
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Vom blauen Auge niederrän',
75
Ihr Herz, von Reu und Busse schwer,
76
Nun wieder ganz das meine wär'!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich von Matthisson
(17611831)

* 23.01.1761 in Hohendodeleben, † 12.03.1831 in Wörlitz

männlich

deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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