Eine heilige Familie

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Ludwig Achim von Arnim: Eine heilige Familie (1806)

1
Der Tag war schön, ins Grüne gehn,
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Trieb an das lust'ge Wetter;
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Das Feld geziert, vom Wind berührt,
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Roth wie die Rosenblätter.
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Maria rein, hätt Sorg allein,
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Ihr Kindlein umzutragen;
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Möcht ja von Haus, aus wohl hinaus,
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Soll doch die Mutter fragen:
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Ob sie dies dürfe wagen?

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»ey warum nit? Ich komm auch mit!«
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Die Mutter Anna sprache;
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»dem Kind, auch dir, ingleichen mir
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Ein Freud im Feld ich mache.
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Die Luft man spürt, gelind regiert,
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Laß uns der Zeit genießen;
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Und allerlei Tapezerey
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Gesprengter Blümlein grüssen,
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Die reichlich vorher spriessen.«

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Die Nachtigall, mit edlem Schall,
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Ein Musik anzurichten,
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Schwingt sich gar frey, zunächst hiebey,
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Fängt lieblich an zu dichten.
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Das schön Revier, gab gut Quartier,
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Ein grünes Dach zu eigen;
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Der Feigenbaum, enthält sich kaum,
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Kann sich genug nicht neigen,
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Auch dienstbarlich erzeigen.

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Maria wollt, wie sie auch sollt,
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Mit ihrer Mutter theilen:
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»nimm Anfrau, nimm!« – O süße Stimm!
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»will dein Verlangen heilen.«
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Gab ihren Sohn, der Freude Lohn,
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Der Mutter auf die Schooßen;
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Inzwischen sie, sucht Rosenblüt,
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Mit Blättern, klein und grossen,
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Gleich wies hervor gesprossen.

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Zur selben Frist, auch Joseph ist,
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Hienach mit Freuden kommen;
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Hat Speis und Frücht, im Korb gericht,
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Aus Vorsorg mitgenommen.
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Damit das Kind und Hausgesind
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Im Fall es würd begehret;
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Wo nicht nach Gust, jedoch zur Lust,
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Was hätt davon verzehret,
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Dem Kind hat ers verehret.

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»o schön Geschenk!« die Anfrau denkt,
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»ein Apfel reich dem Kinde;
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Sieh ob ein Freud, könnt seyn der Zeit,
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Die meine überwinde?
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Hab in dem Schooß, den Herren groß,
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Der Himmel wird erfüllen;
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Die Weisheit hoch, in Kindheit noch,
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Seh ich nach meinem Willen,
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Wie doch die Kinder spielen.«

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Der Engel Kreis, stand rings so leis,
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Und war doch ganz zugegen;
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Der ungespart, in Gegenwart
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Sein Schuld auch wollt ablegen.
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Das Kind sich wendt, streckt seine Händ,
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Als wär ihm Leid geschehen;
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Wendt hin und her, und in die Fern,
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Und dann auch in die Nähen,
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Bis es die Recht ersehen.

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Der Lilienstamm, schier wieder kam,
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Maria brachte Blumen;
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Hat Mayengab gebrochen ab,
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Als reines Weiß zu ruhmen.
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Bald Anna bund ein Kränzlein rund.
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So war das Kind ergötzet;
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Der Jungfrau Sohn, nahm an die Kron,
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Hats der aufs Haupt gesetzet,
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Die würdig wird geschätzet.

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»herbei Johann, bist gut Gespann,
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Komm her zu lieben Kindchen;
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Mit uns verbleib, da Kurzweil treib,
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Wie bald entweicht ein Stündchen.
77
Dein Lämmlein laß im grünen Gras,
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Nur neben uns, da weiden;
79
Bringst auch mit dir ein Mayenzier,
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Und bist noch so bescheiden?
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Bringst Rosen von der Haiden.«

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Die Rosen dein, hoch Leibfarb seyn,
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Bedeuten schmerzlich Leben;
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Was machst damit, was bringst sie mit?
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Will zwar nicht widerstreben.
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O Rosenroth! O Pein! O Noth,
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Johannes mein verschone;
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Mach mir nicht neu, die Prophezey,
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Vermeldt von Simeone,
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Bis ich des Leids gewohne.

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»ey ja so seys, so roth und weiß,
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Ist des Geliebten Zeichen;
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Hab Lust hiezu, mein Jesus fruh,
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Thu selber danach reichen;
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Theil auch mit mir, ich bitt dafür,
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Ich nehm von dir mit Freuden
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Die Rosen roth, ja gar den Tod,
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Und alles, was zu leiden,
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Wenns je nicht ist, zu meiden.«

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Der Lilien weiß, ein ganz Gesträuß,
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War für den Joseph eben;
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Und Anna warb um Goldlackfarb,
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Johannes hats ihr geben;
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Das übrig ward geworfen dar
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Ins Feld für einen Samen;
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Daraus zerstreut, zu seiner Zeit,
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Gepflanzt in Jesus Namen,
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Viel tausend Blümlein kamen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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