St. Meinrad

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Ludwig Achim von Arnim: St. Meinrad (1806)

1
Graf Berthold von Sulchen, der fromme Mann,
2
Er führt sein Söhnlein an der Hand;
3
Meinrad, mein Söhnlein von fünf Jahren,
4
Du mußt mit mir gen Reichenau fahren.

5
Hatto, Hatto, nimm hin das Kind,
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Alle liebe Engelein mit ihm sind;
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Die geistlich Zucht mag er wohl lernen,
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Und mag ein Spiegel der Münche werden.

9
Er ging zur Schul barfuß ohne Schuh;
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Und legt die geistlich Kunst sich zu;
11
Die Weisheit kam ihm vor der Zeit,
12
Da ward er zu einem Priester geweiht.

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Da schickt ihn Hatto auf den Zürcher See,
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Daß er ins Klösterlein bei Jona geh;
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Bei Jona zu Oberpollingen,
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Da lehrt er die Münch beten und singen.

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Da er lange ihr Schulmeister war,
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Und ihn die Brüder ehrten gar;
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Thät er oft an dem Ufer stehen,
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Und nach dem wilden Gebirg hinsehen.

21
Sein Gewissen zog ihn zur Wüste hin,
22
Zur Einsamkeit stand all sein Sinn;
23
Er sprach zu einem Münch: Mein Bruder,
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Rüst uns ein Schifflein und zwey Ruder.

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Ueber See zur Wildniß zur Wüsteney,
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Hab ich gehört gut fischen sey;
27
Da gehn die Fischlein in den einsamen Bächen! –
28
Ja Herr, mein Meister, der Münch thät sprechen.

29
Sie fuhren gen Rapperswyl über See,
30
Zu einer frommen Wittib sie da gehn;
31
Bewahr uns die Gewand, sie zu ihr sprechen,
32
Daß sie uns nicht in der Wildniß zerbrechen.

33
Sankt Meinrad und der Bruder gut,
34
Sie folgten wohl der Bächlein Fluth;
35
Sie fischten hinan in dem Flüßlein Sille,
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Bis in die Alp gar wild und stille.

37
O Herr und Meister, lieber Sankt Meinrad,
38
Wir haben Fischlein schon mehr als satt;
39
Noch nit genug Meinrad da saget,
40
Steigt wo der Finsterwald herraget.

41
Und da sie gegangen den dritten Tag
42
Im finstern Wald eine Matte lag;
43
Ein Born da unter Steinen quillet,
44
Da hat Sankt Meinrad den Durst gestillet.

45
Nun lieber Bruder, nun ists genug,
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Gen Rapperswyl die Fisch er trug;
47
Die fromm Wittib stand vor der Pforten,
48
Und grüßt die Münch mit frohen Worten.

49
Willkomm, willkomm ihr bleibt schier lang,
50
Die reißende Thier, die machten mich bang;
51
Die Fisch, die thät sie braten und sieden,
52
Die assen sie in Gottes Frieden.

53
Frau hört mich an durch Gott den Herrn! –
54
Die Wittib sprach: Das thu ich gern!
55
Ein armer Priester hat das Begehren,
56
Sein Leben im Finsterwald zu verzehren.

57
Nun sprecht ob hier ein Frommer leb,
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Der ihm ein klein Almosen geb;
59
Sie sprach: Ich bin allein allhiere,
60
Ich werd ihm ein Almoseniere.

61
Da thät Sankt Meinrad ihr vertrauen,
62
Daß er sich wollt ein Zelle bauen;
63
Und kehrt nach Oberpollingen,
64
Thät noch ein Jahr da beten und singen.

65
Aber die Einsamkeit drängt ihn sehr,
66
Er hat kein ruhig Stund da mehr;
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Und eilt nach Rapperswyl zu der Frauen,
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Die ließ ihm da seine Zelle bauen.

69
Am Etzel wohnt er sieben Jahr,
70
Viel fromme Leut die kamen dar;
71
Seine Heiligkeit macht groß Geschrey,
72
Und zog da gar viel Volks herbei.

73
Solch weltlich Ehr bracht ihm viel Schmerz,
74
Sein Hüttlein rückt er waldeinwärts;
75
Zum finstern Wald, wo das Brünnlein quillet,
76
Das ihm einst seinen Durst gestillet.

77
Und wenn er sich das Holz abhaut,
78
Daraus er seine Zelle baut;
79
Findt er ein Nest mit jungen Raben,
80
Die thät er da mit Brod erlaben.

81
Die fromm Frau auch von Rapperswyl
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Schickt ihm Almosen ein gut Theil;
83
So lebt er während funfzehn Jahren,
84
Sein Freund die beiden Raben waren.

85
Von Wollrau war ein Zimmermann,
86
Der kam da zu dem Wald heran;
87
Und bat auch den St. Meinrad eben,
88
Sein Kindlein aus der Tauf zu heben.

89
Da gieng St. Meinrad hinab ins Land,
90
Dem Zimmermann zur Taufe stand;
91
Und kam da wieder zu vielen Ehren,
92
Das thäten zwei böse Mörder hören.

93
Peter und Reinhard dachten wohl,
94
St. Meinrads Opferstock wär voll;
95
Und wie sie zum Finsterwald eintreten,
96
Die Raben schreien in großen Nöthen.

97
St. Meinrad las' die Meß zur Stund,
98
Der Herr thät ihm sein Stündlein kund;
99
Da betet er aus ganzer Seele,
100
Daß ihn der Himmel auserwähle.

101
Die Mörder schlagen an die Thür:
102
Du böser Münich tret herfür;
103
Thu auf, gieb uns dein Geld zusammen,
104
Sonst stecken wir dein Haus in Flammen.

105
Im Finsterwald schallts ganz verworrn,
106
Die Raben mehren ihren Zorn;
107
Um ihre Häupter sie wüthend kreisen,
108
Nach ihren Augen hakken und beißen.

109
St. Meinrad sanft zu ihnen tritt,
110
Bringt ihnen Brod und Wasser mit;
111
Eßt, trinkt, ihr Gäste, seyd willkommen,
112
Dann thut, warum ihr hergekommen.

113
Der Reinhard sprach: Warum komm ich?
114
St. Meinrad sprach: Zu tödten mich;
115
Da schrien sie beide: Kannst du es wissen?
116
So werden wirs vollbringen müssen.

117
Nun gieb dein Silber und all dein Gut! –
118
Da schlugen sie ihn wohl aufs Blut;
119
Und da sie seine Armuth sahen,
120
Thäten sie ihn zu Boden schlagen.

121
Da sprach der liebe Gottesmann:
122
Ihr lieben Freund nun hört mich an;
123
Zündt mir ein Licht zu meiner Leiche,
124
Dann eilt, daß euch kein Feind erreiche.

125
Der Peter gieng da zur Kapell,
126
Zu zünden an die Kerze hell;
127
Die thät durch Gott von selbst erbrennen,
128
Die Mörder da ihr Schuld erkennen.

129
Die Kerze brennt an seiner Seit,
130
Ein Wohlgeruch sich auch verbreit;
131
Sein Seel thät zu dem Himmel ziehen,
132
Die Mörder da erschrocken fliehen.

133
Aber die frommen Raben beid,
134
Die gaben ihnen bös Geleit;
135
Um ihre Häupter sie zornig kreisen,
136
Und ihnen Haar und Stirn zerreissen.

137
Durch Wolrau kamen sie gerannt,
138
Der Zimmermann die Raben kannt;
139
Da thät er seinen Bruder bitten,
140
Zu folgen ihren wilden Schritten.

141
Indeß lief er in den Finsterwald,
142
Sucht seinen lieben Gevatter bald;
143
Der lag erschlagen auf grüner Heide,
144
Die Kerze brannt an seiner Seite.

145
Er küßt ihn auf den blutgen Mund,
146
Hüllt in den Mantel ihn zur Stund;
147
Legt weinend ihn in die Kapelle,
148
An seines heilgen Altars Schwelle.

149
Und eilt herunter in das Land,
150
Sein Jammer allen macht bekannt;
151
Und schickt hinauf sein Kind und Frauen,
152
Nach ihrem heilgen Freund zu schauen.

153
Die Mörder fand er im Wirthshaus,
154
An der Schifflande zu Zürich draus;
155
Die Raben stießen die Fenster ein,
156
Und warfen um das Bier und Wein.

157
Die Mörder man ergriff und band,
158
Ihr Schuld, die haben sie bekannt;
159
Und bis hin auf den Scheiterhaufen,
160
Die Raben sie wohl hakken und raufen.

161
Der Abt zu Reichenau da hört,
162
Der fromm St. Meinrad sey ermördt;
163
Schickt auch mit Licht und Fahn viel Brüder,
164
Zu holen des St. Meinrads Glieder.

165
Und da der Leib zum Etzel kam,
166
Wo er gewohnt der heilge Mann;
167
Da war der Sarg nicht zu bewegen,
168
Sie mußten ihn da niederlegen.

169
Sein heilig Herz und Ingeweid
170
Sie da begruben zu der Zeit;
171
Den Leib sie dann mit Beten und Singen
172
Nach Reichenau zur Kirche bringen.

173
Wo er gestorben und gelebt,
174
Das Kloster Einsiedeln sich erhebt;
175
Für fromme Pilger ein Wunderquelle,
176
Quillt dort in St. Meinrads Kapelle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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