Ein neu Klaglied

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Ludwig Achim von Arnim: Ein neu Klaglied (1806)

1
Was soll ich aber singen,
2
Ein wunderbar Geschicht;
3
Das Herz möcht dem zerspringen,
4
Ders nur einmal ansicht.
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Was man doch hat erfunden
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Alldort in jenem Land,
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Sieht man zu allen Stunden
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Ein großes Uebel und Schand.
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Es hat die Welt gestanden,
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Mehr als fünftausend Jahr,
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Ist solche große Schande
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Aufkommen nie fürwahr;
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Daß man die Gottesgaben
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Also mißbrauchen soll,
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Das wird kein Mensch nicht loben,
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Und ihnen sprechen wohl.
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Und wer denn nun will wissen,
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Was doch erfunden sey,
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Die Kriegsleut sind beflissen
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Auf solche Buberey;
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Sie lassen Hosen machen,
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In einem Ueberzug,
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Der hängt bis auf die Knochen,
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Ist doch noch nicht genug.
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Ein Latz muß seyn darneben,
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Wohl eines Kalbskopfs groß;
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Karteken drunter schweben,
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Seiden ohn alle Maaß.
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Kein Geld wird da gesparet,
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Und sollt man betteln gehn;
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Damit wird offenbaret
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Wer ihnen giebt den Lohn.
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Da gehen sie einher waten,
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Gleich als der Teufel recht;
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Und schören sie sich ein Platten,
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Sie wären seine Knecht.
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Auch hangen dran die Zotten
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Einer halben Elle lang.
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Thut man dann ihrer spotten,
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So hebens an ein Zank,
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Und wollen da verfechten
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Die ungeheuer Gestalt,
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Als hätten sies zu rechten,
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Und stünd in ihrer Gewalt.
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Nach Gott thun sie nicht fragen,
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Wies ihm gefallen werd;
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Was er dazu wird sagen,
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Ist ihnen ohn alles Gefärd.
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Und wär es ihnen befohlen,
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Sie thätens nimmermehr!
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Sollt man den Teufel mahlen,
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Mit seinem ganzen Heer,
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Aerger könnt mans nicht machen,
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Als mit ein solch Gestalt;
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Doch sind sie freye Hachen,
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Wer wills ihnen wehren bald.
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Sie meinen, wenn sie tragen
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Ein solch Gesperr am Bein;
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So darf sie niemand schlagen,
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Kriegsleut sind sie allein.
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Da doch wird oft gefunden
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Ein solch verzagtes Herz,
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So man ihn wollt verwunden,
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Er gäb die Flucht ohn Scherz.
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Nun wollt ich doch gern sehen,
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Wie ers wollt greifen an;
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Wenn sollt ein Sturm geschehen,
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Als ich gesehen han.
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Zu laufen noch zu steigen,
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Kann man ihn brauchen nicht;
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Vom Waten will ich schweigen,
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Wie denn da oft geschicht.
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Da steht er wie ein Lüllen,
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In seim zerhackten Kleid;
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Wie will er doch erfüllen
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Seinen geschwornen Eyd?
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Er kann sich selbst nicht schützen,
78
Wenn Laufen nöthig wär;
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Bleibts Herz in Hosen sitzen,
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Sein Herz muß halten her.
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Kein Türk, kein Heid, kein Tartar
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Solch Unflat je erfind.
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Davon sonst ein Hausvater
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Gekleidet Weib und Kind,
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Das muß jezt einer haben
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Zu einem paar Hosen gar;
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Doch sind sie freye Knaben,
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Truz wers ihnen wehren darf.
89
Sechs Ellen lündisch Gewande
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Wird einem begnügen kaum;
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Ist das nicht große Schande,
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Darunter hat sie Raum.
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Wohl neun und neunzig Ellen
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Karteken muß er han;
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Dann sind sie freye Gesellen,
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Und stehen für einen Mann.
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Es tragens auch Studenten,
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Von den man lernen soll;
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Sie sollten seyn Regenten,
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Exempel geben wohl.
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Ihre christlichen Lehren
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Findens nicht in der Schrift;
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Sie solltens andern wehren,
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So sind sie selbst vergift.
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Schickt man sie auf die Schulen
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Mit groß Unkosten frey;
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Sie lernen saufen und buhlen,
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Das muß auch seyn dabey.
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Ein solch paar Pluderhosen,
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Dann sind sie Doktor schon;
111
Weils tragen die Franzosen,
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Drum lassens nicht davon.
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Dazu die Handwerksgesellen,
114
Die kaum das Badgeld hand;
115
Doch Hosen tragen wöllen,
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Und kostet es ein Land.
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Was sie durchs Jahr erkratzen,
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Das tragen sie daran;
119
Dann sind sie freye Fratzen,
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Wann sie solch Hosen han.
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Wann sie dann unser Herrgott
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Angreift mit Krankheit schwer,
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So haben sie kein Vorrath,
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Spital muß halten her,
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Die großen Pluderhosen,
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Haben das Geld verzehrt;
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In leeren Beutel blasen,
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Wird manchen dann gelehrt.
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Ein Beyspiel thun sie geben,
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Mit ihren Hosen recht;
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Das ihnen gleich woll leben
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Schinder und Henkersknecht.
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Die tragen auch solch Hosen,
134
Wann sie jagen die Hund;
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Und fluchen wie Franzosen,
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So sind sie gleich im Bund.
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Noch eins das ist geschehen,
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Das ich euch melden muß;
139
Ich hab es selbst gesehen,
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Hosen bis übern Fuß.
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Die Seiden, die muß lappen,
142
Wohl hinten nach ers schleppt;
143
Dazu ein kurze Kappen,
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Die ihm den Latz nicht deckt.
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Vor Zeiten macht man Röcke,
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Daß man den Latz bedeckt;
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Jetzund so muß er blecken,
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Auch sind daran gesteckt
149
Viel Farben mancherleyen,
150
Die sind daran gestickt;
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Man möchte sie anspeien,
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Wenn man sie nur erblickt.
153
Es haben unsre Alten
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Die Kleider drum gemacht,
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Daß sie sich vor dem Kalten
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Beschirmten Tag und Nacht,
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So geben diese Kleider
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Doch weder kalt noch warm,
159
Groß Straf die fürcht ich leider
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Für uns, daß Gott erbarm!
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Wie kann Gott Glück doch geben,
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Dem deutschen Kriegesheer;
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Da sie so schändlich streben
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Wider sein Lob und Ehr.
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Niemand soll Wunder nehmen,
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Daß der Türk nimmt überhand;
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Wir sollten uns doch schämen
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Vor jedem andern Land.
169
Der Teufel mag wohl lachen
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Zu solchem Affenspiel;
171
Ihm gefallen wohl die Sachen.
172
Fleißig ers fördern will,
173
Seinem Rath folgen sie nach;
174
Bis er bezahlt ihr Thaten,
175
Reu ist zu spät hernach.
176
Dies Laster thut verklagen
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Ein alter Landsknecht gut;
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Der hat all seine Tage
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Gehabt ein Löwenmuth.
180
Sein Leib thät er nicht sparen,
181
In deutsch und welschem Land;
182
Doch hat er nie erfahren
183
Von Deutschen größre Schand.
184
Drum er dies Liedlein sange,
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Und wundert sich so sehr;
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Ihm ward darob auch bange,
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Wo doch herkommen wär
188
Ein solch greuliche Trachte
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Wider alle Billigkeit;
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Wer sie doch wohl erdachte,
191
Ist Gott im Himmel leid.
192
Ihr Fürsten und ihr Herrn
193
Laßt's euch zu Herzen gehn;
194
Thut diesem Laster wehren,
195
Heißt sie davon abstehn.
196
Denn Gott wills an euch rächen,
197
Er gab euch die Gewalt;
198
Thut ihren Willen brechen,
199
Denn Gottes Straf kommt bald.
200
O Gott thu du drein sehen,
201
Verzeih uns unsre Sünd;
202
Und laß uns nicht geschehen,
203
Den Sündern trag Erbarmen
204
Ueber ihre Hosen weit,
205
Und hilf zuletzt uns Armen
206
In die ewige Seligkeit,
207
Amen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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