Ein hohes Lied

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Ludwig Achim von Arnim: Ein hohes Lied (1806)

1
Mein Herz das schwebt in Freudenspur,
2
Gedenk ich, wie die Kreatur
3
In Zweiheit ist gebildet;
4
Des sey gelobt der Schöpfer weis',
5
Der uns erschuf im Paradeis,
6
Erschuf jungfräulichs Bilde,
7
Die er da einem Jüngling gab,
8
Den er gemacht aus Erden;
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Darum dien jezt ich junger Knab
10
Wohl einer Jungfrau werthe.
11
Ihr hohes Lob, das will ich ihr verkünden,
12
Ob ich es möcht durchgründen,
13
Nach meines Herzens Gier,
14
Ob ich gefiel auch ihr.

15
Gott grüß die schönste Jungfrau fein,
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Die gänzlich hat das Herze mein,
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Mit ihrer Lieb besessen;
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Darum hab ich sie auserwählt,
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Ein Jungfrau, die mir wohl gefällt,
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Ich kann ihr nicht vergessen.
21
Wohl Tag und Nacht, wohl früh und spät
22
Liegt sie mir in dem Sinne;
23
All meine Hoffnung auf ihr steht,
24
Möcht ihre Huld gewinnen.
25
Mir liebt ihr Zucht, ihr jungfräuliche Güte,
26
Sie führt ein frei Gemüthe;
27
Sie lebt mit Ehren ganz,
28
Mit Recht trägt sie den Kranz.

29
Das Kränzlein, das sie tragen soll
30
In Wort und Sitte trägt sie's wohl
31
So ganz ohn allen Wandel;
32
Hutsam behält sie ihr Gesicht,
33
Kein Aergerniß giebt's keinem nicht,
34
In Ihrem Gang und Wandel.
35
Sie geht so schnelle auf der Straß,
36
Wer sie darauf thät grüßen,
37
Schließts Mündlein auf in sanfter Maas,
38
Und dankt mit Worten süße.
39
Ihre Wort sind wahr und nicht erlogen,
40
Sie hat mich nie betrogen;
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Mich nie geführt am Seil,
42
Sie biet sich selbst nicht feil.

43
Drum hab ich sie auserkorn,
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Sie ist von gutem Stamm geborn,
45
Zu Ehren schön erzogen;
46
Darum will ich ihr Diener seyn,
47
Sie hat erleucht das Herze mein,
48
Ist wahr und nicht erlogen.
49
Sie trägt ein ehrentlich Gewand,
50
Gar adelich gesticket,
51
Mit ihr zarten Kunstes Hand,
52
Und wer sie anerblicket,
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Dem möcht sein Herz in lauter Freude lachen;
54
Auf Reinheit thut sie wachen,
55
Darum bin ich ihr hold
56
Vor Silber und vor Gold.

57
Gott grüß die Jungfrau wohl gethan,
58
Gar schwer ich gnugsam loben kann,
59
Wohl ihren werthen Leibe;
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Ihr Haar ist lang, goldfarb und gelb,
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Ihr Oehrlein sind gar fein gewölbt,
62
Kein Spott ich damit treibe.
63
Sie hat zwei hübsche Aeuglein klar,
64
Lieblich als ein Demante;
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Darin das Weisse ist nicht gespart,
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Ihr Bräulein stehn ohn Schande.
67
Ihr Näßlein scharf, wie schwer kann ich sie loben,
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Ihr Kinn ist sanft erhoben,
69
Ihr Mund geschwungen fein,
70
Brennt recht als ein Rubein.

71
Die Zähnlein sind ihr ganz und weiß,
72
Die Wänglein roth nach allem Fleiß,
73
Darin zwei Grüblein kleine;
74
Ihr Angesicht, das scheint sogar
75
Gleich als der recht Kristall so klar,
76
Polieret also reine.
77
Ihr Kehle, die ist grad und schön,
78
Ihr Hälslein lilienweisse;
79
Auf ihrem Haupt ein Kron sollt stehn,
80
Gezieret recht mit Fleiße.
81
Ihr Händ sind lind, gleich wie ein Hermeleine,
82
Und weis wie Helfenbeine,
83
Darin die Adern blau,
84
Gott grüß dich o Jungfrau.

85
All Ebenmaaß in ihrer Brust,
86
Ihr Herz geziert in aller Lust,
87
Daran zwei Brüstlein kleine,
88
Sind nicht zu klein, und nicht zu groß,
89
In Züchten trägt sie auch nicht blos,
90
Sie hat zwei grade Beine.
91
Ihr zarter Leib ist wohl gestalt,
92
Nach aller Freud und Ziere.
93
Ihr Schönheit hab ich nun gemahlt,
94
Jungfrau erhör mich schiere,
95
Und sprecht zu mir ein liebreich freundlich Worte,
96
Und wo ich das erhörte,
97
Mein Weh wär gar vorbei,
98
Also erquickt ein Leu.

99
Erquickt mit seiner Stimm die Wölf (Jungen)
100
Also mir ihre Tugend helf,
101
Mit einem lieben Grüßen;
102
Dann thät sie mir groß Freundschaft kund,
103
Aus ihrem rosenfarben Mund,
104
Sogar ohn alles Verdrießen.
105
Dein Angesicht mich so erquickt,
106
Gleich als der Strauß sein Junge;
107
Du bist mein Freud, mein Trost, mein Glück,
108
Mich lockt dein süße Zunge.
109
Wie auch der Jungfrau klares Singen,
110
Das Einhorn kömmt mit Springen;
111
Legt ihr das Haupt in Schoos,
112
Und schläft ganz kummerlos.

113
Also bezwingt mich deine Stimm,
114
Und wo ich dich Herzlieb vernimm,
115
Besänftet sich mein Grimme;
116
Du machest mich so tugendsam,
117
Demüthiglich gleich einem Lamm,
118
Das macht dein milde Stimme.
119
Daß mich hat deine Lieb und Güt
120
So kräftiglich bezwungen;
121
Daran gedenk du treu Gemüth,
122
Acht nicht der falschen Zungen.
123
Und wolle meinen Worten treulich glauben,
124
Ich will dich nie berauben;
125
Dein Ehr ist allen kund,
126
Ich führ sie nie im Mund.

127
Dies glaube meiner Stätigkeit,
128
Es wär mir für dich selber leid,
129
Misläng dir deine Ehre;
130
Deß lasse mich genießen schier,
131
Nach Gott ist niemand lieber mir,
132
Dein Dienst ich stets begehre.
133
Wenn ich dir wohlgefällig wär,
134
Und wäre nicht dein Spotte;
135
Vergangen wär mir all Beschwer,
136
Darum fleh ich zu Gotte.
137
Wie große große Lieb ich zu dir trage,
138
Getrau ich nicht zu sagen;
139
Ach sieh mein Herze an!
140
Gott grüß dich wohlgethan!

141
O Jungfrau, adeliches Blut,
142
Womit der Pelikanus gut
143
Die Jungen mag ernähren,
144
Das nimmt er aus dem Herzen sein,
145
Und kömmt darum in schwere Pein,
146
Er thut sein Blut verzehren.
147
Also verzehr ich Leib und Blut,
148
Nach dir Sinn, Lieb und Witze;
149
Du bist mir über Phönix gut,
150
Der in der Glut thut sitzen.
151
Darin verjüngt er sich mit Feuers Brennen,
152
Wo ich dich, Lieb, hör nennen;
153
Da thut mein Herz ein Sprung,
154
Und wird vor Freuden jung.

155
Von dir mein Herz empfänget Kraft,
156
Recht nach des Panthers Eigenschaft,
157
Wenns gehet in den Mayen;
158
Dann steigt er auf ein Berg hinan,
159
Viel andre Thiere folgen dann,
160
Stehn um ihn an den Reihen.
161
Jungfrau, könnt ich dich loben bas,
162
Das thät ich allzeit gerne;
163
Du gehst mir über Laub und Gras,
164
Wie der Mond über die Sterne.
165
Ach feins mein Lieb, laß mich der Treu genießen,
166
Thu mir dein Herz erschließen;
167
Vernimm den Willen mein,
168
Zart edles Jungfräulein.

169
Jungfrau vernimmst du den Gesang,
170
Und hab ich dir gedienet lang,
171
Das magst du wohl vergelten;
172
Ich diene allezeit dir gern,
173
Du bist mein lichter Morgenstern,
174
Doch seh ich dich so selten.
175
Das schafft, o Lieb, der Schwätzer Mund,
176
Mit ihrem falschen Sagen;
177
Glaub ihnen nicht zu aller Stund,
178
Vernimm meins Herzens Klagen.
179
In rechter Treu sollst du nicht von mir wenken,
180
Dies Lied thu ich dir schenken;
181
Aus rechtem Sinn erdacht,
182
Gott gebe dir viel guter Nacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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