Ländlich, sittlich

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Ludwig Achim von Arnim: Ländlich, sittlich (1806)

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Ein schönes Jungfräulein, die von geschickten Sitten
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Wird in die Stadt geführt, zu Markt auf einem Schlitten,
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Der lieblich glänzt und prahlt mit Blumen, Laub und Kraut,
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Der schönste Rosmarin beschmückt die junge Braut;
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Die Pferde sind gepuzt, und freudig ausgezieret
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Mit Rosen überall, und der die Jungfrau führet,
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Kommt grün bekrönt daher, er treibet nach Gebühr
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Die stolzen Hengste fort, sie tanzen für und für.
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Beim Schlitten gehn zu Fuß drei und noch vier Jungfrauen,
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Die nimmer ihren Leib den groben Gästen trauen;
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Die streuen Palmen aus, und sonsten ander Kraut,
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Zur Ehr und süssen Lust der wunder schönen Braut.
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So fährt der Schlitten her, auf Palmen und Zeitlosen,
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Und kehrt sich niemals um, als auf gestreuten Rosen,
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So sizt die junge Braut mit Blumen wohl bestreut,
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Dies ist die höchste Ehr in ihrer jungen Zeit.
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In Flöten, Lautenklang, wenn sie aufs beste klingen,
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Die spielen auf der Laut, und sonst ein Instrument,
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Auf welchen süssen Thon ein jeder kommt gerennt,
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Ja alles Volk kommt frisch her zu den Schlitten springen,
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Sie schöpfen Freud und Lust aus allen schönen Dingen.
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Doch was dem lieben Volk am treflichsten behagt,
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Das ist das schöne Bild, das ist die junge Magd.
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Wann dieser Zierrath nun ist auf den Markt gekommen,
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Und eine Menge Volks, den Schauplatz eingenommen,
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So tritt der Ruffer auf hart bei der jungen Braut,
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Und fällt die Jungfrau an, und ruft so überlaut:
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Kommt her ihr jungen Leut, ihr frische junge Knaben,
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Wer eine Labung sucht, das Bild das kann ihn laben.
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Wer Schönheit sucht, der komm, und biethe Geld dafür,
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Dies ist ein schönes Bild, von recht erwünschter Zier,
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Kommt hie und kauft das Bild, kommt, kommt ihr jungen Leute,
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Hie ist ein Lilienherz, wohl! dem es wird zur Beute,
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Hie ist ein Röselein, von keinem nicht gepflückt,
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Von niemand angerührt, von keinem unterdrückt,
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Hie ist ein rother Mund, hie ist ein ehrbar Wesen,
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Hie ist ein schöner Schatz, von tausend auserlesen,
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Hie ist ein treues Herz, hie ist ein junger Leib,
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Hie ist für euer Lieb ein ehrlich Zeitvertreib,
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Hie ist ein wackres Aug, und Rosen gleiche Wangen,
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Hie ist das schönste Haar, der Menschen Herz zu fangen,
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Hie ist ein edel Pfand, das einem frischen Mann
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Die ganze Lebenszeit, zur Freude dienen kann.
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Was ist ein schönes Weib, mit lieblichen Geberden?
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Es ist ein Paradies, ein Himmel auf der Erden,
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Es ist ein Augentrost, und eine stete Freud,
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Es ist ein sanfter Ort, und Port für junge Leut,
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Was ist ein häßlich Weib? Ein Ungeheur im Hause,
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Wer solcher einmal sich hat ehelich verpflicht,
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Wie klar die Sonn auch scheint, doch ist er ohne Licht.
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So ruft der Ruffer aus, die Jugend tritt entgegen,
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Biet Geld, Geld über Geld, weil ihr daran gelegen,
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Und wenn man dann zulezt nicht höhern Vortheil spürt,
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Wird dem, ders Meiste bieth, die Jungfrau zugeführt.
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Und dann ruft alles Volk, ein glücklich langes Leben,
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Muß Gott der neuen Braut, und ihrem Liebsten geben,
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Und solches siebenmahl, ja endlich setzt sich auch
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Der Käufer bei ihr auf, nach ihres Lands Gebrauch,
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Dann fahren sie zur Kirch, und fangen an zu beten,
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Wann dieses dann geschehn, so kommt er her getreten,
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Umarmet sie, und wenn er sie nach Haus gebracht,
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Genießt er drauf mit Lust, wornach er hat getracht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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