Meine Reise auf meinem Zimmer

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Ludwig Achim von Arnim: Meine Reise auf meinem Zimmer (1806)

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Der Schneider Franz, der reisen soll,
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Weint laut und jammert sehr:
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»o! Mutter lebet ewig wohl,
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Euch seh ich nimmermehr!«
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Die Mutter weint entsetzlich:
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»das laß ich nicht geschehn,
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Du darfst mir nicht so plözlich
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Aus deiner Heimath gehn.«

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O! Mutter, nein, ich muß von hier,
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Ist das nicht jämmerlich!
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»mein Kind, ich weiß dir Rath dafür,
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Verbergen will ich dich.
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In meinem Taubenschlage,
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Verberg ich dich mein Kind,
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Bis deine Wandertage
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Gesund vorüber sind.«

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Mein guter Schneider merkt sich dies,
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Und thut als ging er fort,
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Nahm kläglich Abschied und verließ
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Sich auf der Mutter Wort,
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Doch Abends nach der Glocke,
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Stellt er sich wieder ein,
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Und ritt auf einem Bocke
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Zum Taubenschlag hinein.

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Da ging er, welch ein Wanderschaft,
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Im Schlage auf und ab,
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Und wartete bis ihm zur Kraft
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Die Mutter Nudeln gab,
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Beim Tag war er auf Reisen,
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Und auch in mancher Nacht,
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Da hat er mit den Mäusen
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Und Ratten eine Schlacht.

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Einst hatte seine Schwester Streit,
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Nicht weit von seinem Haus,
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Er hört wie die Bekämpfte schreit,
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Und gukt zum Schlag hinaus,
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Mein Schneiderlein ergrimmte,
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Macht eine Faust und droht:
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»wär ich nicht in der Fremde,
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Ich schlüge dich zu todt.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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