Ehrensache und Satisfaction zu Günzburg

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Ludwig Achim von Arnim: Ehrensache und Satisfaction zu Günzburg (1806)

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Zu Günzburg in der werthen Stadt,
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Als ihre Zunft den Jahrstag hat,
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Die Schneider alle kamen,
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Die Meister sämmtlich jung und alt,
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Die Gesellen auch in schiefer Gestalt
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Da in der Kirch zusammen.

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Der Teufel aber hat kein Ruh,
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Baut sein Capelle auch dazu,
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Als sie zum Opfer gehen,
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Da hat man mitten in der Schaar
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Ein großen Geißbock offenbar
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In ihrer Mitt' gesehen.

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Der gieng ganz sittsam neben her
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Dem Opfer zu in aller Ehr,
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Und thät sich doch nit bücken,
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Ein alter Meister hochgeschorn
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Der faßt da einen grimmen Zorn,
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Und wollt darüber zücken.

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Wo führt der Teufel den Bock daher,
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Potz Elle, Fingerhut und Scheer,
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Er kömmt mir recht und eben,
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Gieng er nur besser her zu mir,
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Ich wüsste schon ein Kunst dafür,
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Wollt ihm ein Maultasch geben.

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Der Geißbock hätt sehr feine Ohrn,
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Vermerkte bald des Schneiders Zorn,
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Hätt doch nichts zu bedeuten,
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Er machet sich zugleich unnütz,
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Und biet dem Schneider einen Trutz,
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Gieng frisch ihm an die Seiten.

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Der Schneider aber hielt sein Wort,
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Es war grad an der Stiege dort,
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Er griff den Bock beim Boschen,
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Er stieß denselben hin und her,
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Als wenns des Bocks sein Mutter wär,
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Gab ihm eins an die Goschen.

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Der Geißbock fiel die Stiegen ein,
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Das mußt er also lassen sein
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Und dürft sich nicht wohl rächen,
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Gieng bald darvon in aller Still,
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Gedacht der Schneider sind zu viel,
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Sie dürften mich verstechen.

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Frau Burgermeisterin alldort
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Stand in dem Stuhl an ihrem Ort,
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Die hat der Bock ersehen,
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Er gieng ganz traurig zu ihr hin,
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Und klagte ihr in seinem Sinn,
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Wie hart ihm wär geschehen.

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Er sprach: »Ich habs nit bös gemeint,
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Dieweil die Schneider meine Freund,
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Hab ich für Recht ermessen,
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Daß ich mit Meister und Gesell
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Mich bei dem Jahrstag auch einstell,
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Bin grob doch eingesessen.

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Die Maultasch hab ich nit erwart',
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Hätt sonst mein Fell so rauch und hart
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Gar wohl verschonen können,
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Jezt habe ich die Stöß davon,
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Die hängen mir mein Lebtag an,
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Das fühl ich an dem Brennen.

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Wenn ich aufs Jahr noch hier verbleib,
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Bleib ich daheim und schick mein Weib,
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Kanns leichter übertragen,
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Die ist zumahl ein reine Geiß,
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Wie sie und jedermann wohl weiß,
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Die dürften sie nit schlagen.«

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Die Frau sagt ihm auf sein Begehrn:
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»geh nur mein Schatz, klags meinem Herrn,
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Dem Schneider bringts nicht Rosen.«
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Der Geisbock neiget sich vor ihr,
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Bedankt sich auch auf sein Manier
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Mit Stutzen, Meckern, Stoßen.

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Der Schneider schaut von ferne zu,
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Des Bocks Anklag gab ihm Unruh,
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Wolt schier darum verzagen,
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Daß er den Bock, es war ihm leid,
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Aus Zorn und Unbescheidenheit
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Im Gotteshaus geschlagen.

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Wies endlich ablief noch zur Lust,
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Das ist den Schneidern wohl bewußt,
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Habs weiter nit beschrieben,
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So viel ich hab gehört davon,
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Hat er dem Bock Abbitt gethan,
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Dabei ist es geblieben.

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Ein guter Herr, der sprach mich an,
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Dem hab ich es zu lieb gethan,
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Sein Bitt nit abgeschlagen,
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Und diese schöne Action
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Ins guten Kerles Weiß und Ton
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Also zusamm getragen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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