Wunderliche Zumuthung

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Ludwig Achim von Arnim: Wunderliche Zumuthung (1806)

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Einsmals zu Frankfurt an dem Main
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Viel Fürsten thäten ziehen ein,
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Ihrer lutherischen Religion gemäß,
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Nach dem Stift zu St. Barthelmäs.
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Als dieser Schluß ward offenbar,
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Vom Volk ein großer Zulauf war;
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Da nun ein Zeichen ward geläut,
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Dadurch die Predigt angedeut,
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Siehe, da kam ein Priester dar,
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Der dem Papstthum anhängig war:
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Trat auf die Kanzel stracks hinauf.
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Des wundert sich des Volkes Hauf,
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Thät sich doch nicht besinnen lang,
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Sondern fing bald an den Gesang:
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Nun bitten wir den H. Geist
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Um den rechten Glauben allermeist.
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Da nun der Gesang vollendet was,
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Das Evangelium er las,
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Das Volk mit Fleis solchs höret an,
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Doch, da ers wolt erklären dann,
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Woltens nicht hören überall
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Fingen an mit frölichem Schall:
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»nun freut euch lieben Christen gemein
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Und laßt uns frölich springen.«
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Der Pfaff stand, wundert ob den Sachen,
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Weil man am Gesang kein End wolt machen;
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Da stand er und ward gleich erstart,
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Letzlich er halb unsinnig ward,
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Lief von der Kanzel ungestüm,
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Und ging mit großem Zorn und Grimm,
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Zu einem Jülichschen Fürsten dar,
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Denn sonst noch kein Fürst drinnen war,
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Klagt ihm, er würd von seinem Ort
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Mit Gewalt, ohn Recht gedrungen fort,
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Und könnt sein Amt verrichten nicht,
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Das wollt er klagen ihm hiermit,
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Und sollt er ihm auf diese Klag
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Zeugniß geben am Jüngsten Tag.
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Der Fürst sprach: »Lieber Priester mein,
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Die Fürsten kamen überein,
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Daß sie wolten an diesem Ort,
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Anhören das Göttliche Wort,
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Von einem, welcher zugethan
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Ihrem Glauben und Religion,
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Solchem, der Fürsten Schluß gemein,
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Solt ihr nicht widerstanden sein.
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Zudem kömmt mir beschwerlich für,
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Daß ihr habt zugemuthet mir,
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Ich soll von dieser eurer Klag
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Zeugniß geben am Jüngsten Tag,
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Denn dort entweder werdet ihr
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Nicht kommen wiederum zu mir,
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Oder, wenn solches schon geschicht,
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So werd ich euch doch kennen nicht.«
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Hierauf lief der Pfaff davon mit Grimm,
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Und warf die Sanduhr ungestümm
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Beim Altar aufn Boden hin;
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Flucht und schwört mit tollem Sinn.
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Das Volk insgemein ob diesen Sachen,
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Muste des tollen Pfaffen lachen:
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»nun bitten wir den heilgen Geist
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Um den rechten Glauben allermeist.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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