St. Jakobs Pilgerlied

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Ludwig Achim von Arnim: St. Jakobs Pilgerlied (1806)

1
Wer das Elend bauen wöll,
2
Der heb' sich auf und sey mein G'sell,
3
Wol auf Sankt Jakobs Strassen.
4
Zwei Paar Schuh, der darf er wol,
5
Ein Schüssel bey der Flaschen.

6
Ein breiten Huth, den soll er han,
7
Und ohne Mantel soll er nit gahn
8
Mit Leder wol besezet,
9
Es schnei' oder regen' oder wehe der Wind
10
Daß ihn die Luft nicht nezet.

11
Sack und Stab ist auch dabey,
12
Er lug, daß er gebeichtet sey,
13
Gebeichtet und gebüsset,
14
Kommt er in die welsche Land,
15
Er findt keinen deutschen Priester.

16
Ein deutschen Priester findt er wol,
17
Er weiß nit wo er sterben soll,
18
Oder sein Leben lassen.
19
Stirbt er in dem welschen Land,
20
Man gräbt ihn bei der Strassen.

21
So ziehen wir durch Schweizerland hin,
22
Sie heissen uns Gott wellkumm! sin,
23
Und geben uns ihr Speise.
24
Sie legen uns wol und decken uns warm,
25
Die Strassen thun sie uns weisen.

26
So ziehen wir durch die welsche Land,
27
Die sind uns Brüdern unbekannt,
28
Das Elend müssen wir bauen,
29
Wir ruffen Gott und St. Jakob an,
30
Und unsre liebe Frauen.

31
So ziehen wir durch der armen Gecken Land.
32
Man giebt uns nichts denn Aepfeltrank,
33
Die Berge müssen wir steigen.
34
Gäb man uns Aepfel und Birn genug,
35
Wir essens für die Feigen.

36
So ziehen wir durch Sofei hinein
37
Man giebt uns weder Brod noch Wein;
38
Die Säck stehn uns gar leere;
39
Wo ein Bruder zu dem andern kommt,
40
Der sagt ihm böse Mähre.

41
So ziehen wir zu St. Spiritus ein,
42
Man giebt uns Brod und guten Wein,
43
Wir leben in rechten Schallen,
44
Langedocken und Hispanien,
45
Das loben wir Brüder allen.

46
Es liegen fünf Berg im welschen Land,
47
Die sind uns Pilgram wol bekandt,
48
Der erst' heißt Runzevale,
49
Und welcher Bruder darüber geht
50
Sein Backen werden ihm schmale.

51
Der eine heißt de Monte Castein,
52
Der Pfortenberg mag wol sein Bruder sein,
53
Sie sind einander fast gleiche.
54
Und welcher Bruder darüber geht,
55
Verdient das Himmelreiche.

56
Der vierte heißt der Rabanel,
57
Darüber lauffen die Brüder und Schwestern gar schnell,
58
Der fünft heißt in Alle Fabe,
59
Do leit viel manches Biedermanns Kind,
60
Aus deutschem Land begraben.

61
Der König von Hispanien der führt ein Kron,
62
Er hat gebaut drei Spital gar schon,
63
In St. Jakobs Ehren,
64
Und welcher Bruder darein kommt,
65
Man beweist ihm Zucht und Ehre.

66
Es war dem Spitalmeister nit eben,
67
Vierthalbhundert Brüder hat er vergeben,
68
Gott ließ nicht ungerochen.
69
Zu Burges ward er an ein Kreuz geheft,
70
Mit scharfen Pfeilen durchstochen.

71
Der König der war ein Biedermann,
72
In Pilgramkleider legt er sich an,
73
Sein Spital wollt er beschauen,
74
Was ihm die deutschen Brüder sagten,
75
Das wollt er nit glauben.

76
Da ging er in das Spital ein,
77
Er hies ihm bringen Brod und Wein,
78
Die Suppe die war nit reine;
79
Spitalmeister, lieber Spitalmeister mein!
80
Die Brod sind viel zu kleine.

81
Der Spitalmeister war ein zornig Mann:
82
Der Greulich hat dich herein gethan,
83
Das nimmt mich nimmer Wunder!
84
Und wärst du nit ein welscher Mann,
85
Ich vergäb dir, wie die deutschen Hunde!

86
Und da es an den Abend kam,
87
Die Brüder wollten schlafen gahn,
88
Der Pilgram wollt schlafen alleine:
89
Spitalmeister, lieber Spitalmeister mein
90
Die Bett sind gar nicht reine.

91
Er gab dem Pilgram ein' Schlag,
92
Daß er von Herzen sehr erschrack,
93
Er thät zu dem Spital auslaufen,
94
Die andern Brüder thäten
95
Den Spitalmeister sehr raufen.

96
Do es an den Morgen kam,
97
Man sah viel gewapneter Mann,
98
Zu dem Spital eindringen,
99
Man fing den Spitalmeister
100
Und all sein Hausgesinde.

101
Man band ihn auf ein hohes Roß,
102
Man führt ihn gen Burges auf das Schloß,
103
Man thät ihn in Eisen einschließen,
104
Es thät den Spitalmeister
105
Gar sehr und hart verdriessen.

106
Der Spitalmeister hätt ein Töchterlein,
107
Es mocht recht wol ein Schälkin sein.
108
Es nimmt mich immer Wunder,
109
Daß der liebste Vater mein,
110
Soll sterben wegen der deutschen Hunde.

111
Es stund ein Bruder nahe dabey,
112
Nun soll es nit verschwiegen sein,
113
Ich will es selber klagen!
114
Da ward daßelbig Töchterlein
115
Unterm Galgen begraben.

116
Sieh Bruder, du sollst nit stille stahn,
117
Vierzig Meil hast du noch zu gahn;
118
Wol in St. Jakobs Münster.
119
Vierzehn Meil hinunter baß
120
Zu einem Stern, heißt Finster.

121
Den finstern Stern wollen wir lan stahn,
122
Und wollen zu Salvator eingahn,
123
Groß Wunderzeichen anschauen.
124
So rufen wir Gott und St. Jakob an,
125
Und unsre liebe Frauen.

126
Bei St. Jakob vergiebt man Pein und Schuld,
127
Der liebe Gott sei uns allen hold,
128
In seinem höchsten Throne,
129
Der St. Jakob dienen thut,
130
Der lieb Gott soll ihm lohnen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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