Tragödie

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ludwig Achim von Arnim: Tragödie (1806)

1
Ein Graf von frommem edlem Muth,
2
An Sitten hochgeehrt und gut,
3
Ging täglich in die Kirch zur Zeit,
4
Von seiner Burg nicht sonder weit.
5
Und einmal trug es sich da zu,
6
Daß er sich niedersetzt in Ruh,
7
Entschläft er betend vorm Altar
8
Der Sankt Kathrina heilig war.
9
Ein Jungfrau sah er vor sich stehn,
10
Mit einer Krone blinkend schön.
11
Wie Spinngeweb voll Himmelsthau
12
Wenn Morgenlicht auf Rosen schaut,
13
Von Demant schien es eine Laube,
14
Voll Strahlen schien hindurch der Glaube.
15
An ihrer Seite konnt er schauen
16
Zwey schöne stehende Jungfrauen,
17
Doch wie viel schöner die Gekrönte
18
Aus tausend bunten Vögeln tönte.
19
Der Jüngling fürcht sich vor dem Wunder,
20
Er neigt sich, schlägt die Augen unter.
21
Sie sprach: »Da du doch edel bist,
22
Wie zeigst du dich unadelich,
23
Wir kommen darum, wie wir sollen,
24
Daß wir dich jezt ansehen wollen;
25
So deckst du deine Augen zu,
26
In dieser deiner müden Ruh,
27
Willt du dir ein Gemahl gern freyen,
28
Hier unter uns erwähl von dreyen!«
29
Da er nun diese Wort gehört,
30
Aus seinem Schlaf geschwind auffährt,
31
Erwacht mit himmlischer Lieb durchgossen,
32
Seine Augen rannen von ihm erschlossen;
33
Ein Jungfrau sprach zu ihm da gnädig:
34
»nimm die, so jezt mit dir geredet,
35
Dann wie sie schöner ist als wir
36
Kann ich jezund versprechen dir,
37
Also ist sie vor Gott auch höher,
38
Und deiner Bitt Gewährung näher,
39
Ihr Name ist dir wohlbekannt,
40
Sankt Katharina ist genannt.«
41
Darauf der Jüngling sie thät grüssen,
42
Und fiel der Jungfrau still zu Füssen,
43
Hub an zu weinen inniglich,
44
Und bat die Heilige demüthlich,
45
Sie wolle seiner sich des Armen
46
Allzeiten über ihn erbarmen.
47
Sie setzt' ihm auf ein Rosenkranz,
48
Der gab von sich ein Sonnenglanz,
49
Und sprach: »Nimm diesen Kranz der Liebe
50
Von mir, die du sollst stetig üben!«
51
Verschwand also vor seinen Augen,
52
Mit ihren zweyen Beyjungfrauen.
53
Da nun der Graf jezund erwacht,
54
Hat er des Rosenkranz gedacht,
55
Auf seinem Haupt thät er den finden,
56
Thät ihn mit Wohlgeruch umwinden.
57
Nachdem es aber sich begab,
58
Daß man dem Grafen sehr oblag,
59
Und wider Willen muß er freyen,
60
Das ihm doch übel thät gereuen! –
61
Ihm ward in seinem jungen Leben
62
Ein schöne edle Jungfrau gegeben,
63
Ließ doch von der Gewohnheit nicht
64
All Tag er Katharinen bitt,
65
Daß sie ihn darum nicht woll hassen,
66
In seinen Nöthen nicht verlassen.
67
Da nun sein Hausfrau schwanger ging,
68
Sie einen Argwohn auch empfing,
69
Wenn er ging nach Kathrinen Kirche
70
Thät sie in ihrem Herzen fürchten,
71
Er möcht vielleicht in diesen Tagen
72
Ein lieber dann sie selber haben.
73
Einsmals bestellt sie eine Magd,
74
Zu der sie diese Worte sagt:
75
»wo geht mein Herr all Morgen hin?«
76
Die Magd sagt ihr aus bösem Sinn:
77
»ich weiß wohl, wo er hingegangen,
78
Hat nach des Pfaffen Schwester Verlangen.«
79
Die Frau ward ob dem Wort betrübt,
80
Weil sie den Grafen allein nur liebt,
81
Da nun der Graf zurücke kam,
82
Der Frauen Traurigkeit vernahm,
83
Fragt er, warum sie traurig wär,
84
Sie sagt, sie hörte böse Mähr,
85
Wie er ging täglich umher buhlen,
86
Zu des Pfarrers Schwester in die Schulen.
87
Er sagt: »Du hast nicht recht gehört,
88
Oder bist sonst worden bethört,
89
Die ich lieb hab in meiner Pflicht,
90
Die ist des Pfarrers Schwester nicht,
91
Es ist ein andere der Frist,
92
Die tausendmal viel schöner ist.«
93
Stand also auf von seinem Bett,
94
Als wenn er noch zu buhlen hätt,
95
Ging doch nur wieder von ihr hin,
96
Wie vor auch zu Sankt Katharin.
97
Ob dieser Antwort das Gemüth
98
Der Gräfin war so tief betrübt,
99
Sie sprang im Zorn vom Bett herab
100
Und stach sich selbst die Kehle ab.
101
Der Graf von dem Gebet heimkam,
102
Die Trauerbotschaft nun vernahm,
103
Sah sein Gemahl des Tods verschieden
104
Und dort im Blut umwälzet liegen,
105
Erschrack er sehr, sein Herz ward kühl,
106
Daß er in ein Ohnmacht hinfiel.
107
Da er nun wieder zu sich kam
108
Hub bitterlich zu weinen an,
109
Klopft an sein Herz, rauft aus sein Haar,
110
Und sprach zu sich in der Gefahr:
111
»o heilge, heilge Katharin,
112
Sieh an, in welcher Noth ich bin,
113
Ach ich hab meine Treu verloren,
114
Und bin meineidig an dir worden.«
115
Mit diesen Worten lief er hin
116
Zur Kirche der Sankt Katharin,
117
Mit Seufzen er sein Bitt vorbracht,
118
Bis um ihn her war dunkle Nacht,
119
Und traurig prächtig Stern bey Stern,
120
Durchs Kirchenfenster sah von fern.
121
Mit ihren Jungfrauen da erschien,
122
Die heilge Jungfrau Katharin,
123
Dem Grafen, der vor dem Altar,
124
Da lag und halb entschlafen war.
125
Ging zu ihm hin, wischt seine Augen
126
Mit ihren beyden Beyjungfrauen.
127
Sie sprach zu ihm: »Hast unrecht gethan,
128
Daß du mich so verlassen Mann,
129
Auf dich genommen andre Last,
130
Dein Treu an mir gebrochen hast,
131
Doch hast du mich ziemlicher massen
132
Geliebt und mich nicht gar verlassen.
133
Steh auf und geh mit Freuden heim,
134
Dir soll diesmal geholfen seyn.
135
Dein Hausfrau ist lebendig worden,
136
Hat eine Tochter dir geboren.
137
Die wird dir lange Zeit nachleben,
138
Der sollst du meinen Namen geben,
139
In ihrem Gebet wird sie sich üben,
140
Daß Gott der Herr sie sehr wird lieben,
141
Also, daß sie in einem Jahr
142
Den Großvater aus grosser Gefahr
143
Des Fegefeuers erlösen wird,
144
Der immer noch im Feuer irrt.«
145
Sie neigt sich ihm, wischt seine Augen,
146
Die Thränen ihr Händ einsaugen.
147
Doch wie der Bircken weisse Rinde,
148
So wächst ein Handschuh davon geschwinde
149
Auf ihren Händen weiß wie Schnee,
150
Den streift sie ab, als sie zur Höh,
151
Der fällt und weckt ihn am Altar.
152
Da er vor Kummer schlafen war,
153
Er findet einen Handschuh weiß,
154
Wie niemand ihn zu weben weiß.
155
Ein Bote kam: Herr kommt herüber,
156
Denn euer Gemahl, die lebet wieder,
157
Und hat in diese Welt geboren
158
Ein schöne Tochter auserkohren.
159
Ob dieser fröhlichen Botschaft
160
Erhielt der Graf zurück die Kraft,
161
Stand auf und dankte Katharin,
162
Den Handschuh steckt zum Helme kühn,
163
Zog wiederum zu seiner Frauen,
164
die er mit Freuden an thut schauen,
165
Und küßt das Kind, umfängt das Weib,
166
Drückt sie zu sich an seinen Leib,
167
Fing an zu weinen gleich dem Kind,
168
Bat um Verzeihung seiner Sünd,
169
Die Gräfin sprach: »Wir sollen loben
170
Sankt Katharin im Himmel droben,
171
Denn da ich mich vor Leid getödtet,
172
Und lag in allen meinen Nöthen,
173
Zu mir schon kamen höllsche Knaben,
174
Mein Seel sie wollten genommen haben,
175
Da hat die heilge Katharin
176
Für mich gebeten; Gott verziehn,
177
Daß er den Leib der Seel noch liesse,
178
Daß sie in ihm noch könnte büssen.« –
179
Die Gräfin ließ ein Kloster bauen,
180
Die Tochter im Gebet zu schauen,
181
Der Graf zog ins gelobte Land
182
Vom Handschuh grosse Kraft empfand,
183
Den Rosenkranz, den Handschuh weiß
184
Ins Kloster gab nach seiner Reis.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.