Der Färber

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Ludwig Achim von Arnim: Der Färber (1806)

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Kummet her! kummet her ihr jungi Leut',
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Und still und stille 'ne kleini Zeit,
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Und höret was will i eu singe! –
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Was dieß Johr sich begebe hat
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Zu Miltau in der werthe Stadt,
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So gar viel traurige Dinge.
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Ein kunstreicher Mahler in dieser Stadt
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Mit seiner Frauen erzoge hat
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Ei' Tochter und die ist schö' bestellt,
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Und sie ist billig zu lobe,
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Es lobet sie nu jederma,
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Ma' bhalt sie sehr in Ehre,
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Sie schicket sie in d' Schul und Lehre,
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Ka' schriben und lese nach Begehre,
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Man brucht sie nit lang zu weise.
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Jeztunter e' braune Färber kam,
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Thät sie zur Eh' begehre.
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Der Mahler sprach: »Es hat no' Zeit,
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Noch all' e Jahre zwey oder drey;
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Sie muß no' länger warte.« –
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Die Mutter sprach: »Schämt ihr üch nit,
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Weil sie noch jung und närrisch ist.« –
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Sie thät der Sache wehre.
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Es wur' ihm rund abg'schlage.
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Das thut ihr i' dem Herze so weh,
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Die Antwort sie verdrosse,
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Weil sie so heimli hätt' die Eh'
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Dem Färber scho versproche.
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Er geit ihr au' en ehlige Pfand,
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E' schö' Goldstück wohl uf die Hand.
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Dabey hät sie versproche,
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Sie wöll no warte drey, vier Johr,
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Bis das er wieder käm gelofe.
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Dabey soll es nu bleibe.
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»ade! mei Kind! izt mu'ni fort,
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Mei Herz ist voller Leide.
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Sie heißt ihn i Gottsname bald,
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Durch Berg und Thal und Wasser und Land
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Zu ihre wieder kumme.
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Er goht nach seines Vaters Haus,
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Den Abschied thut er nemme.
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Der Vater geit ihms Gleit hinaus
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Wie wackere Handwerksg'selle.
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Und do der Färber war eweg,
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Wär' niene meh vorhande,
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Thut sich e' reiche Wittma dar,
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Viel Gut hät er beysamme.
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Die Tochter sprach: »O Elteren i bitt,
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Mir kommet nit zusamme.
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Will lieber bleibe ganz alley,
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Kei Wittma' mag ih nit nemme.« –
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Der Vater sprach: »Du mußt en ha,
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Ih thu di nit lang frage.«
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Er ließ sie au zusamme bald,
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Die Tochter mit dem alte Ma,
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Zu ihrem gröste Schade.
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Sie wurde krank wohl a der Stätt,
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Ma muß sie legen i das Bett,
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Empfindt sie Weh und Schmerze.
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Sie war so voller Kümmerniß,
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Und durft's au Niemed klage,
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Wenn sie sonoft as Goldstück denkt,
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Wonihre der Färber hätt gebe.
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Sie wurdi krank und kränker je,
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Thät nimmer uferstehe. –
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Zu Preuß dort in der Rosen, am Tag,
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Bey der Nacht hätt er sie g'sehn.
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Er hört sie klägeli weine.
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Er sieht sie ineme weise Kleid,
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»das ist mi Brut, ihr helle Schei
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Was ist ihr doch geschehe?!«
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Und dones morndriges Tages war,
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Er ließ si setze uf die Post,
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Thut nacher Moldau jage.
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Allein er kommt ja viel zu spat,
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Si Braut ist scho vergrabe. –
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Er goht wohl uf de Kilihof,
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Nimmt Haue und Spad so viel er mag,
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Er thut si nit lang weile,
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Er grabt die Todebahr heraus,
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Die Tode thut si richten auf,
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Sie stellt sie uf die Erde,
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»ach Gott! ach Gott! warum bin i do!
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Wer thut mi izt erquäle?!« –
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Der Färber sprach: »Kennt ihr mi nit,
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Der eu das Goldstück hätt gebe,
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Wienihr mir händ so treuiglich,
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Wienihr mir händ versproche,
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Ihr wöllet no warte dry vier Johr,
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Bis daß ih wieder käm geloffe.« –
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Er nimmt sie by der wise Hand,
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Thut sie nach Hause führe,
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Zunihrem erste Bräutigam,
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Wienes si thut gebühre.
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Er klopfet a der Thüre a
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Mit ungehöfligem Herze,
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Der Junge hätt ihm aufgethan,
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In d'Stube thät er sie führe.
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Er wünscht dem Hochzeiter e guti Zeit
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Mit ungehöflichem Herze:
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»do bring i eueri Liebi hai
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Wohl us der kühligen Erde.« –
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Der Hochzeiter verschrikt, fallt in Ohmacht,
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Und stirbt au no i der selbige Nacht
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Empfindet sie Weh und Schmerze.
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Izt wartet sie none halbes Jahr,
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So liesset si das neue Paar
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Druf no der Kilche führe.
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Und das ist ein seltami Eh
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Wo diese drey Persone,
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Desgleiche nie geschehe wär,
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Noch niemal wär vernomme.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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