Wächter hüt dich bas

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Ludwig Achim von Arnim: Wächter hüt dich bas (1806)

1
Es wohnet Lieb bey Liebe,
2
Dazu groß Herzeleid,
3
Ein edle Herzoginne,
4
Ein Ritter hochgemayt,
5
Sie hätten einander von Herzen lieb,
6
Daß sie vor grosser Hute
7
Zusammen kamen nie.

8
Die Jungfrau, die war edel,
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Sie thät ein Abendgang,
10
Sie ging gar traurigliche,
11
Da sie den Wächter fand;
12
O Wächter mein trit her zu mir,
13
Selig will ich dich machen,
14
Dürft ich vertrauen dir.

15
Ihr sollet mir vertrauen
16
Zart edle Jungfrau fein,
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Doch fürcht ich nichts so sehre,
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Als eures Vaters Grim.
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Ich fürchte eures Vaters Zorn,
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Wo es mir misselungen,
21
Mein Leib hab ich verlorn.

22
Es soll uns nicht mißlingen,
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Es soll uns wohl ergehn,
24
Ob ich entschlafen würde,
25
So weck mich mit Getön,
26
Ob ich entschlafen wär zu lang,
27
O Wächter, traut Geselle,
28
So weck mich mit Gesang.

29
Sie gab das Geld dem Alten,
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Den Mantel an sein Arm.
31
»fahrt hin mein schöne Jungfraue
32
Und daß euch Gott bewahr,
33
Daß er euch wohl behüt!«
34
Es kränkt demselben Wächter
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Sein Leben und Gemüth.

36
Die Nacht, die war so finster,
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Der Mond gar lützel scheint,
38
Die Jungfrau, die war edel,
39
Sie kam zum hohlen Stein,
40
Daraus da sprang ein Brünnlein kalt,
41
Auf grüner Linde drüber
42
Frau Nachtigal saß und sang.

43
»was singest du Frau Nachtigal,
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Du kleines Waldvögelein,
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Woll mir ihn Gott behüten,
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Ja da ich warte sein,
47
So spar mir ihn auch Gott gesund,
48
Er hat zwey braune Augen,
49
Dazu ein rothen Mund.«

50
Das hört ein Zwerglein kleine,
51
Das in dem Walde saß,
52
Es lief mit schneller Eile
53
Da es die Jungfrau fand.
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Ich bin ein Bot zu euch gesandt,
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Mit mir sollt ihr gleich gehen,
56
In meiner Mutter Land.

57
Er nahm sie bey den Händen,
58
Bey der schneeweissen Hand,
59
Er führt sie an das Ende,
60
Wo er sein Mutter fand.
61
»o Mutter, die ist mein allein,
62
Ich fand sie nächten spät
63
Wohl bey dem hohlen Stein.«

64
Und da des Zwergleins Mutter
65
Die Jungfrau recht ansah:
66
»geh führ sie wieder geschwinde,
67
Da du sie funden hast.
68
Du schaffst gros Jammer und gros Noth,
69
Eh morgen der Tag hergehet,
70
So sind drey Menschen todt.«

71
Er nahm sie bey den Händen,
72
Bey der schneeweissen Hand,
73
Er führt sie an das Ende,
74
Wo er sie funden hat.
75
Da lag der Ritter verwundet in Tod,
76
Da stand die schöne Jungfraue,
77
Ihr Herz litt grosse Noth.

78
Sie zog aus seinem Herzen
79
Das Schwerdt und stieß es in sich:
80
»und hat es dich erstochen,
81
So stech ichs auch in mich;
82
Es soll nun nimmer kein Königs Kind
83
Um meinetwillen sterben,
84
Sich morden mehr um mich.«

85
Und da es morgens taget,
86
Der Wächter hub an und sang:
87
»so ward mir nie kein Jahre,
88
Kein Nacht noch nie so lang,
89
Denn diese Nacht wollt nicht vergehn.
90
O reicher Christ vom Himmel,
91
Wie wird es mir ergehn.«

92
Und das erhört die Königin,
93
Die auf dem Bette lag.
94
»o höret edler Herre,
95
Was ist des Wächters Klag,
96
Wie ihm die Nacht doch hätt gethan,
97
Ich fürcht, daß unsre Tochter,
98
Die hab nicht recht gethan.«

99
Der König zu der Königinn sprach:
100
»zünd an ein Kerzlein licht,
101
Und lug in alle Burge,
102
Ob ihr sie findet nicht,
103
Kannst du sie in dem Bett nicht sehn,
104
So wirds demselben Wächter
105
Wohl an sein Leben gehn.«

106
Die Königinn war geschwinde,
107
Sie zündt ein Kerzlein licht,
108
Sie lugt in alle Burgen,
109
Sie fand die Tochter nicht.
110
Sie thät ins Bette sehn,
111
O reicher Christ vom Himmel
112
Wie wird es heut ergehn.

113
Sie liessen den Wächter fahen,
114
Sie legten ihn auf den Tisch,
115
In Stücken thut man ihn schneiden,
116
Gleich wie ein Salmenfisch.
117
Und warum thäten sie ihm das,
118
Daß sich ein andrer Wächter
119
Sollt hüten desto bas.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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