Von dem Schittensamen

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Ludwig Achim von Arnim: Von dem Schittensamen (1806)

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Was wollen wir aber singen?
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Von einem Edelmann,
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Wollt die von Nürnberg zwingen,
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Doch ihm sein Kunst zerrann.
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Schittensamen war er genannt,
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Er hat die von Nürnberg oft griffen an,
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Beraubt und auch gebrannt.

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Zwar es war sein Ungewinn,
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Er bekriegt sie wider Recht,
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Was hatten die von Nürnberg im Sinn,
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Sie dachten es wird ihm schlecht,
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Sechs hundert Gulden boten sie feil,
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Wer ihnen den Schittensamen brächt,
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Daß er ihnen würde zu Theil.

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Der Schittensamen hätt einen Knecht,
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Dem thats der Gulden Noth,
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Er diente seinem Herrn nit recht,
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Er gab ihn in den Tod,
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Davon ward ihm sein Sekel schwer,
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Sein Herz war aller Untreu voll,
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Und aller Frommheit leer.

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Er nahm sich vor ein falschen Sinn,
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Wie er den Dingen thät,
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Er gieng zu seinem Herren hin,
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Hätt' mit ihm heimlich Red:
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Ich weiß ein reichen Nürnberger Bauren,
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So ihr dazu nun helfen wollt,
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So wollen wir ihn erlauren.

29
Der Schittensamen hinwieder sprach:
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Wo sizt der Bauer im Land? –
31
Er sizt nit fern vom Nürnberger Wald.
32
Da spricht der Knecht zur Hand:
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All sein Gelegenheit weiß ich wohl,
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Sechs hundert Gulden muß er uns geben,
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Wenn ich ihn bringen soll.

36
Der Schittensamen hinwieder spricht:
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Nun sind doch euer wohl drei,
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Bringt ihr den Bauren in meine Gewalt,
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Euer Theil ist auch dabei,
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Ich reite nit gern so fern hinzu,
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Wollt ihrs zu Fuße wagen,
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Mein Urlaub habt dazu.

43
Der untreu Knecht, der konnt sich regen,
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Mit seiner Schalkheit groß,
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Er sprach: Herr so reit uns entgegen,
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Und gebt uns auch ein Los',
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Nur ein halb Meil hinzu.
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Der Schittensamen wieder sprach:
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Das will ich gerne thun.

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Der ein Knecht nahm der Red sich an,
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Er sprach, ich weiß ein Rath,
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Wir lassen ein Fräulein mit uns gahn,
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Das bringt uns Wein und Brod,
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Wenn uns der Bauer nicht käm bald,
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Und wir die Nacht verziehen,
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Und bleiben im Nürnberger Wald.

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Sie nahmen ihr Spieß und auch ihr Wehr
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Und zogen über Feld,
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Der Schittensamen gab ihnen Weis und Lehr,
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Er meint, es brächt ihm Geld.
61
Er wünscht ihnen allen Glück und Heil,
62
Er sprach, sie solltens frischlich wagen
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Auf einen gleichen Theil.

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Das Fräulein liessen sie mit gehn,
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Bis daß sie Nürnberg sahen,
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Sie sezten sich nieder und ruheten,
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Die Glocken hörten sie schlagen,
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Da war es in der neunten Stund,
69
Der Pfundstein zum Fräulein sprach
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Aus seinem falschen Mund.

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Geh hin und bring uns Wein und Brod,
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Daß wir uns des Hungers erwehren,
73
Würden uns des Bauren Gulden roth,
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Wir wollten lang darvon zehren,
75
Ich hofft der Bauer wird uns schier,
76
Ist dir der Frankenwein zu sauer,
77
So bring uns ein Malvasier.

78
Das Fräulein hob sich aus dem Wald,
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Wohl über Stock und Stauden,
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Das Thor zu Nürnberg fand sie bald
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Mit Laufen und mit Schnaufen.
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Auf das Rathhaus war ihr Gang,
83
Da sie den Burgermeister fand,
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Die Stadtknecht giengen ihr nach.

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Sie sagt ihnen all Gelegenheit,
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Sie führt sie auf ein Ort,
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Der Burgermeister war doch gescheidt,
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Er merkt auf ihre Wort,
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Hält sich dennoch nicht ganz daran,
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Denn Frauen List und Worte
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Betriegen manchen Mann.

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Doch macht er bald, daß es geschah,
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In einer halben Stund,
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Daß man wohl manchen Reiter sah,
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Freudig von Herzensgrund,
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Mit ihren Harnischen bekleidt,
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Und was zum Dienst gehöret,
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Das war gar bald bereit.

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Sie ritten vor den grünen Wald
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Hinaus die unverzagten Mann,
101
Drei Gesellen auf der Lauer bald,
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Die griffen sie frischlichen an,
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Zwei führten sie gen Nürnberg ein,
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Ins Rathhaus unter die Erden,
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Da must ihr Herberg sein.

106
Den dritten sezt man auf ein Pferd,
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Um ihn manch Reiter gut,
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Er sollt ihnen zeigen Weg und Fährt,
109
Ihm folgt ein Hinterhut,
110
Ihr Harnisch war lauter und erklang,
111
Sie ritten durch manchen grünen Wald,
112
Da mancher Vogel in sang.

113
Sie ritten bis zum dritten Tag,
114
Eh daß sie kamen dar,
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Sie hielten bei einander im Hag,
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Niemand ward ihrer gewahr,
117
Bis daß sie sahen das Räuberschloß,
118
Sie zogen doch nit gar daran,
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Sie stellten auf ihre Geschoß.

120
Der Knecht sich aus dem Sattel schwang,
121
Er gieng des Wegs ein Theil;
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Es gelang ihm auch, darnach er rang,
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Er entbot seinem Herrn in Eil,
124
Er sollt zu ihm reiten in den Wald,
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Sie hätten ein Wildbret gefangen,
126
Die Müh wird ihm bald bezahlt.

127
Der Schittensamen nit anderst dacht,
128
Als er die Red vernahm,
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Er meint, sie hätten den Bauren gebracht,
130
Er wollte ihn machen zahm,
131
Drum ritt er ihnen entgegen bald,
132
Da fingen ihn die Nürnberger Reiter,
133
Die hielten auf ihn im Wald.

134
Da führten sie ihn gen Nürnberg ein,
135
Da schaute ihn mancher Mann,
136
Weiß nicht weß sich die Herrn besannen,
137
Sah einer den andern wohl an,
138
Schlechten Empfang hätt da Schittensam
139
Von einem Bürger, der hieß Löffelholze,
140
Der sprach: Willkomm ins Teufelsnahm.

141
Man führt ihn zu der Herberg sein,
142
Da mancher gefangen drin liegt,
143
Darin steht ein Kapelle fein,
144
Da man die Räuber in wiegt,
145
Darin da dehnet man ihm sein Haut,
146
Was er den von Nürnberg hätt gethan,
147
Das sagt er überlaut.

148
Darnach führt man ihn vor Gericht
149
Und seiner Knecht wohl zween,
150
Es war ein böse Zuversicht,
151
Sie hörten die Urtheil gehn,
152
Der Herr ward urtheilt in das Feuer,
153
Die Knecht die sollt man köpfen,
154
Das Lachen war ihnen theuer.

155
Das Leben ward ihnen abgesagt,
156
Es mocht nicht anders gesein,
157
Die Knecht traten dem Herrn voraus,
158
Bis zu dem Rabenstein,
159
Ueber ein Schwerdt vergossen sie ihr Blut,
160
Des auch der Schittensamen begehrte,
161
Es mochte ihm nicht werden zu gut.

162
Er ward in einem Feuer verbrannt,
163
Daß weiß noch mancher Mann,
164
Darin da nahm sein Leben ein End,
165
Gott sehe sein Marter an,
166
Gott geh der Seel die ew'ge Ruh,
167
Darum ist das mein treuer Rath,
168
Daß niemand Unrecht thu.

169
Der uns das Liedlein neues sang,
170
Von Neuem gesungen hat,
171
Er hats geschickt einem weisen Rath
172
Zu Nürnberg in der Stadt,
173
Hans Kugler ist er genannt,
174
Er war ihr steter Diener,
175
Und dienet ihnen all zur Hand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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