Die Seeräuber

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Ludwig Achim von Arnim: Die Seeräuber (1806)

1
Störtebecher und Gödte Michael,
2
Die raubten beide zu gleichem Theil
3
Zu Wasser und nicht zu Lande,
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Bis daß es Gott vom Himmel verdroß,
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Des musten sie leiden große Schande.

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Sie zogen vor den Heidnischen Soldan,
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Die Heiden wolten ein Wirthschaft han;
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Seine Tochter wolt er berathen,
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Sie rissen und splissen wie zwei wilde Thier,
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Hamburger Bier trunken sie gerne.

11
Störtebecher der sprach alzuhand:
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Die West-See ist mir wol bekannt,
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Das will ich uns wol holen,
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Die reichen Kaufleut von Hamburg
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Die sollen das Gelach bezahlen.

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Sie liefen ostwerts längst des Lick:
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Hamburg, Hamburg thu deinen Fleiß,
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An uns kannst du nichts gewinnen,
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Was wir auch wollen bei dir thun,
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Das wolln wir bald beginnen.

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Und das erhört ein schneller Both,
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Der war von klugem Rath,
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Kam in Hamburg gelaufen,
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Er fragte nach des ältsten Bürgemeistern Haus,
25
Den Rath fand er zu Hauffe.

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»ihr lieben Herrn all durch Gott,
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Nehmt diese Red nicht auf für Spott,
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Die ich euch wil sagen,
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Die Feinde liegen euch nahe bei,
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Sie liegen am wilden Have.

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Die Feinde liegen euch hart vor der Thür,
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Des habt ihr edlen Herrn zweier Kühr,
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Sie liegen dar am Sande,
34
Last ihr sie wieder von hinnen ziehn,
35
Des habt ihr Hamburger Schande.«

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Der ältste Burgermeister sprach allzuhand:
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»gut Gesell du bist uns unbekannt,
38
Worüber solln wir dir gläuben?«
39
»des solt ihr edlen Herren thun,
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Bei meinem treuen Eide.

41
Ihr sollet mich setzn auf das Vorkastel,
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Bis daß ihr eure Feinde seht
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Wohl zu derselben Stunde,
44
Und spüret ihr einigen Wankel an mir,
45
So senket mich zu Grunde.«

46
Die Herrn von Hamburg zogen aus,
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Sie gingen zu Segel mit der Fluth,
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Wol nach dem neuen Werke,
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Vor Nebel konnten sie nicht sehn,
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So finster waren die Schwerken.

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Die Schwerken brachen durch,
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Die Wolken wurden klar,
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Sie segelten fort und kamen dar,
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Grossen Preis wollten sie erwerben,
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Störtebecher und Gödte Michael musten darinnen sterben.

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Sie hatten einen Hölck mit Wein genommen,
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Darmit waren sie auf die Weser gekommen,
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Dem Kaufmann dar zu leide,
59
Sie wollten darmit in Flandern seyn,
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Sie musten dar noch scheiden.

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Hört auf Geselle, trinket nun nicht mehr,
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Dort laufen drey Schiffe in jener See,
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Uns grauet vor den Hamburger Knechten,
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Kommen uns die von Hamburg an Bord,
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Mit ihnen müssen wir fechten.

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Sie brachten die Büchsen an den Bord,
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Zu allem Schiessen gingen sie fort,
68
Da hört man die Büchsen klingen;
69
Da sah man so manchen stolzen Held
70
Sein Leben zu Ende bringen.

71
Sie schlugen sich drei Tag und auch drei Nacht,
72
Hamburg dir ist ein Böses gedacht
73
All zu derselben Stunde,
74
Das uns ist lang zuvor gesagt,
75
Das kommen wir hie zu Funde.

76
Die bunte Kuh aus Flandern kam,
77
Wie bald sie das Gerücht vernahm,
78
Mit ihren starken Hörnern,
79
Sie ging sich brausen durch die See,
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Den Hölck wollte sie verstören.

81
Der Schiffer sprach zu dem Steurmann,
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Treib auf das Ruder zum Steurbort an,
83
So bleibt der Hölck bei dem Winde,
84
Wir wollen ihn laufen sein Vorkastel entzwei,
85
Das soll er wol empfinden.

86
Sie liefen ihm sein Vorkastel entzwei.
87
»trauen, sprach sich Gödte Michael,
88
Die Zeit ist nun gekommen,
89
Daß wir müssen fechten um unser beider Leib,
90
Es mag uns schaden oder frommen.«

91
Stürzebecher sprach sich allzuhand:
92
»ihr Herrn von Hamburg thut uns kein Gewalt,
93
Wir wollen euch das Gut aufgeben,
94
Wollt ihr uns stehen für Leib und Gestalt
95
Und fristen unser junges Leben?«

96
»ja traun, sprach sich Herr Simon von Utrecht,
97
Gebet euch gefangen auf ein Recht,
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Last euch das nicht verdriessen,
99
Habt ihr dem Kaufmann kein Leid gethan,
100
So werdet ihrs wol geniessen.«

101
Da sie gegen die Richtstadt kamen,
102
Nicht viel Gutes sie da vernahmen,
103
Sie sahn die Köpfe stecken.
104
»ihr Herren, das sind unsere Mitkompans!«
105
So sprach sich Stürzebecher.

106
Sie wurden zu Hamburg in die Haft gebracht,
107
Sie sassen nicht länger als eine Nacht,
108
Wohl zu derselben Stunde,
109
Ihr Todt wurd also sehr beklagt,
110
Von Frauen und Jungfrauen.

111
»ihr Herrn von Hamburg, wir bitten um eine Bitt,
112
Die wolt ihr uns versagen nicht,
113
Und mag euch auch nicht schaden,
114
Daß wir mögen den Trauerberg
115
Angehn in unserm besten Gewande.«

116
Die Herrn von Hamburg thäten die Ehr,
117
Sie liessen ihn Pfeiffen und Trummeln vorgehn,
118
Sie hättens wol lieber entbehret,
119
Ja wären sie wieder in der Heidenschaft gewest,
120
Sie wären nicht wiederkehret.

121
Der Scharfrichter hieß sich Rosenfeld,
122
Er haute so manchen stolzen Held
123
Mit einem frischen Muthe,
124
Er stund mit seinen geschnürten Schuen
125
Zu den Enkel in dem Blute.

126
Hamburg, Hamburg, des geb ich dir den Preiß,
127
Die Seeräuber waren nie so weiß,
128
Um deinet Willen musten sie sterben,
129
Das machst du von Gold ein Krone tragn,
130
Den Preiß hast du erworben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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