Das Lied vom Landgrafen

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Ludwig Achim von Arnim: Das Lied vom Landgrafen (1806)

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Zu singen will ich fangen an,
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Zum Lob der Kayserlichen Kron,
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Dem Landgrafen zu Leide,
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Wie es ihm dann ergangen ist
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Vor Ingolstadt, in kurzer Frist,
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Das machte uns viel Freude.

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An einem schönen Morgen fruh,
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Der Landgraf rückte schnell herzu,
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Sein Lager thät er schlagen
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In weitem Feld vor Ingolstadt,
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Er meint der Römisch Kaiser drat
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Würd ihn von Stund an fliehen.

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Zu morgen hub er zu schiessen an
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Wol über die Kaiserlichen Kron,
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Mit Kartaunen und Schlangen,
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Das trieb er wohl drey ganze Tag,
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Die weil er dann vor Ingolstadt lag,
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Der Schimpf der wolt sich machen.

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So will ich auch nicht grausen schon!
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Da sprach die Kaiserliche Kron,
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Meins Unglücks muß ich lachen;
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Schieß her, schieß her, lieber Landgraf,
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Mein Glück das steht in Gotteskraft,
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Erst wolln wir tapfer fechten.

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Der Kaiser die ganze Schanz ausreit,
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Der Büchsen-Meister in kurzer Zeit
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Thät da gar tapfer schiessen,
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Wol unter die Landgräfischen Reiter gut,
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Sie schossen hinaus mit frischem Muth,
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Es thät sie sehr verdriessen.

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»o Ingolstadt du gemauert Hauß,
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Das hätt ich dir doch nit vertraut,
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Das du zu mir hätst geschossen.«
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So sprach der Landgraff zum Schertel gut,
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»die Stadt ist uns nit wolgemut,
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Wir wollen nicht darauf bauen.«

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Der Landgraf warf die Augen auf,
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Aus mancher Büchse gieng der Rauch,
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Ich hör das man thut schiessen;
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Da sprach der Landgraf zum Schertel gewandt:
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»wir verschiessen Leut, Ehr und Land,
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Nit länger wölln wir harren.«

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Der Kaiser sprach die Deutschen an,
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Verhieß ihn auch bey seiner Kron,
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Von hier wollt er nit weichen,
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Dieweil ihm Gott das Leben leiht,
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Glück, Ehr und Sieg in Ewigkeit,
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Christus von Himmelreichen.

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Der Schertel sprach die Reisigen an:
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»wendt euch ihr lieben Reitersmann,
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Weicht ab von diesem Schiessen,
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Sonst werden wir auf diesen Tag,
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Dieweil kein Widerstand helfen mag,
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Viel Reisigen Zeug verlieren.«

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Der Landgraf und Schertel wurden zu Rath,
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Und wie sie thäten dieser That,
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Der Kaiser hat sich verhauen,
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Fallen wir in sein Lager stark,
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Die Reisigen die sind so arg,
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Ist ihn nit wol zu vertrauen.

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Der Landgraf hat sehr lang geflucht,
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Sich am Römischen Kaiser versucht,
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Ich mein er hab ihn funden,
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Ich sag dir lieber Landgraf gut,
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Uebermuth der thut kein Gut,
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Der Kaiser ist kein Kindlein.

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Dem Landgrafen kamen neue Mehr,
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Wie daß das Heer von Pirn kummen wär
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Anstatt des Kaisers Schwester,
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Da sprach der Landgraf zum Schertel gut:
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Das ist uns nit wol zu mut,
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Es sind uns fremde Gäste.

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Der Landgraf der ließ zünden an
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All Lager, ruckt im Rauch davon,
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Der Rauch ist weit geflogen:
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»o Ingolstadt, ich muß dich lan,
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Hät ich die Sach recht griffen an,
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Der Teufel hat mich betrogen.«

79
Der Landgraf nahm die Wacht in Hut,
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Dieweil er macht ein Schiffbruck gut,
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Darüber eilt er balde,
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Er eilt dahin auf Neuburg zu,
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Da selbst, da war nit lang sein Ruh,
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Der Kaiser thät ihn suchen.

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Noch hät er weder Rast noch Ruh,
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Auf Donauwerd da ruckt er zu,
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Woll inn sein alte Schanze,
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Daselbst, da wollt er warten sein
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Des Kaisers bei dem kühlen Wein,
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Sich halten auf Finanze.

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Kein Lanzknecht weiß zu dieser Frist,
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Wo der Landgraf hinkummen ist,
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Der Kaiser hat ihn vertrieben,
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Ich sag dir lieber Landgraf mein,
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Dein Kriegen hätst wol lassen sein
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Daheim wärst du wohl blieben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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