Die träumende Liebe

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Christian Gotthold Spindler: Die träumende Liebe (1745)

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Nechst hatte Titan kaum sich unserm Pol entrissen,
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So kam des Lichtes Feind, ein Freund von
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Finsternissen,
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Der schröckliche
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Und hatte ihr zur Lust die Schlafsucht mitgebracht.
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Sie steht gemeiniglich derselben zu der Seiten,
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Es steht in ihrer Pflicht, sie öffters zu begleiten.
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Der Sterne schim̃ernd Heer, der schöne
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Schien schon mit gröstem Glantz; des itzgen Tages
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Schluß
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That ihre starcke Macht den Sterblichen zuwissen,
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Und diese solten nun so Ruh als Schlaf geniessen.
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Ich folgte ihrem Winck, und legte mich zur Ruh,
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Und
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Mit einem Wort, ich schlief; Doch welch ein artig
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Träumen!
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Dich, Schönste, sahe ich bey dick belaubten Bäumẽ,
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In einem furchtsamen und Einöds-vollen Hayn,
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Wist bist du, sprach ich, Kind! allhier so gar allein!
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Welch Schicksal treibt dich her? Wie? können
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Wald und Hecken,
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Sand, Wüste, Stein und Fels dich, Schönste, nicht
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erschrecken?
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Komm, eile doch mit mir aus diesem bangen Wald,
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Es ist ja selbiger ein schnöder Aufenthalt
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Von Räubern, Angst und Qual, o! komme, laß
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uns fliehen!
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Laß dich und mich, o Kind! der Todes Furcht ent-
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ziehen.
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Allein du sprachst zu mir: Freund! eine höhre Macht
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Hat mich mit grösten Zwang in diesen Busch ge-
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bracht.
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Ich sage weiter nichts; jedoch mein banges Schweigẽ
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Und da mein Auge thränt, dieß wird dir gnugsam
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zeigen.
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Freund! ich bin nicht mehr dein; sechs Jahre ist
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es schon,
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Seit dem du mich geliebt, was hast du denn davon?
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Du must, erschrockner Freund! auf ewig dich ent-
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schliessen,
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Mich, dein sonst treues Kind, vielleicht mit Schmertz
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zu missen,
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So, wie ein Donnerschlag die Sterblichen erschreckt,
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Wenn Hagel, Blitz und Dampff ihr dürres Erd-
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reich deckt,
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So, hefftig war bey mir, in dem so treuen Hertzen,
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Die überhäufte Qual bey überhäuften Schmertzen.
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Ich fiel wohl hundertmal dir, Liebste! um den Hals.
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Des Traurens ächte Frucht, der Zähren bittres
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Saltz,
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Dieß muste, um dir nur die Redligkeit zu zollen,
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Mit gröster Hefftigkeit von meinen Wangen rollen.
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Da nun die Raserey den armen Geist bezwang,
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Da die Verzweifelung fast mit dem Tode rang,
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So fing sie freylich an sehr hefftig auszubrechen.
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Verwegner! rief ich aus, ich will mich an dir rächen.
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Sieh hier den blancken Stahl, der dir mit stärcksten
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Muth,
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So viel er nur vermag, gerechten Einhalt thut.
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Dir, Ehrvergessenen, will ich gar balde zeigen,
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Die Tugend müsse nicht verdamten Räubern weichẽ.
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Ja fordre was du wilt, nimm Reichthum, Glück
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und Gut,
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Ja nim̃, o stoltzer Feind! mein warm erhitztes Blut,
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Nur laß mir meinen Schatz, wo nicht, so soll mein
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Degen
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Dich, Räuber meiner Lust, im Augenblick erlegen.
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Und-- o! aber ach! wie sehr erschrack ich nicht!
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Ein hell, ein gläntzendes, ein angenehmes Licht
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Erleuchtete den Wald; Da ich geredet habe,
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So kam ein Anmuthsvoll, ein zärtlich junger Knabe.
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Sein Ansehn schreckte mich, ja ich erstaunte gantz,
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Es war
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War Schuld, daß ich verstürtzt und unbeweglich
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bliebe.
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Wie? Frecher! rieff er aus; wo ist nun deine Liebe?
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Dein Muth war ja vorhin, o Stoltzer! ungemein,
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Wilt du nun auf einmahl so gar erschrocken seyn?
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Auf! haue, schlag und stich, du kanst mich ja wohl
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tödten;
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Hier fiel ich ihm zu Fuß; mein schämendes Erröthen
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Das zeigt dir meine Reu, o grosser Götter-Sohn!
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Ich keñe deine Macht, du sprichst den Waffen Hohn.
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Verzeihe, daß ich mich etwas zu frey gewaget,
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Daß meine Raserey von deinem Tod gesaget;
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Dein Pfeil ist mir zu scharff, ich lencke willig ein,
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Ich will dir unterthan, ich will dein Sclave seyn.
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Da sich um dieses Kind mein Hertze starck bemühet,
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Da Liebe, Treu und Huld in diesem Hertzen glüet,
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So that mir freylich auch itzt ihr Verlust sehr weh,
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Schenck, grosser Liebes-Gott mir meine
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Sie ist der Redligkeit das würdigste Exempel.
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Sechs Jahre ist es schon, wo uns in jenem Tempel,
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Da deine Mutter thront, so Hertze, Mund als Hand
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Die grosse
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Du bist sonst sehr gerecht, wir sind es überzeuget.
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Da aber uns nunmehr dein Urtheil hefftig beuget,
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Cupido, trenn uns nicht! gieb mir sie zum Gewinst,
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Vor meinen redlichẽ und Sehnsuchts-vollen Dienst.
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Wirst du nun, Götter-Sohn! den from̃en Wunsch
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erhören,
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So will ich dich und sie mit gröster Ehrfurcht ehren.
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Kaum hatt ich ausgeredt, so fing
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Weil ich nun deine Treu zur Gnüge spühren kan,
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So nimm sie wieder hin; vergnüget eure Hertzen,
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Dieß frohe Bündniß sey voll Anmuth Lust und
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Schertzen,
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Seyd glücklich, liebt vergnügt. Der grosse Götter-
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Sohn
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Verließ den wüsten Hayn, kurtzum, er flog davon.
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Hier wurde Lust und Schertz auf einmahl meiner
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Meister.
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Ich wachte plötzlich auf, es regten sich die Geister;
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Die Freude war zu groß, du glaubst es warlich kaum,
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Sieh nun, geliebter Schatz, dieß war mein gantzer
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Traum.

(Spindler, Christian Gotthold: Unschuldige Jugend-Früchte. Leipzig, 1745.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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