Der Graf im Pfluge

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Ludwig Achim von Arnim: Der Graf im Pfluge (1806)

1
Ich verkünd euch neue Mehre,
2
Halt Frieden bei der Kann.
3
Zu Rom da saß ein Herre,
4
Ein Graf gar wohlgethan,
5
Der war von reicher Habe,
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War mild und tugendhaft,
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Wollt ziehen zum heiligen Grabe,
8
Nach Ehren und Ritterschaft.

9
Sein Frau erschrack der Mehre,
10
Sie blickt den Grafen an:
11
»gnad mir edler Herre,
12
Dazu mein ehelich Mann,
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Mich nimmt Wunder sehre,
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Was euch die Ritterschaft soll,
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Habt ihr doch Gut und Ehre,
16
Und alles, was ihr wollt.«

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Er sprach zu seiner Frauen:
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»nun spar dich Gott gesund,
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Alles will ich dir vertrauen,
20
Allhie zu dieser Stund.«
21
Also schied er von dannen,
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Der edle Graf so hart,
23
Groß Kummer stand ihm zu handen,
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Eins Königs Gefangner er ward.

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Er mocht ihm nicht entfliehen,
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Das war sein gröste Klag,
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Im Pflug da must er ziehen,
28
Viel länger denn Jahr und Tag,
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Erlitt viel Hunger, und schwere
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Ward ihm die große Buß.
31
Der König reit vor ihm here,
32
Der Graf fiel ihm zu Fuß.

33
Der König sprach: »Mit nichten«
34
Sprach noch dem Grafen Hohn:
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»es hilft dir doch kein Bitten,
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Schwör ich bey meiner Kron;
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Und fielest du alle Morgen,
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Täglich auf deine Knie,
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Du möchtest nicht ledig werden,
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Denn deine Frau wär hie.«

41
Der Graf erschrack der Mehre,
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Groß Leid er ihm gedacht:
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»bring ich mein Frauen here,
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So wird sie mir geschwächt,
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Und soll ich hier noch bleiben,
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So gilt es meinen Leib,
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Darauf so will ich schreiben,
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Will schicken nach meinem Weib.«

49
Einer der war an dem Hofe,
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Der hat die Gefangen in Hut,
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Dem übertrugs der Grafe,
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Verhieß ihm Hab und Gut,
53
Ein Brief schreibt der behende,
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Macht seiner Frauen klar,
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Sein Kummer möcht niemand wenden,
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Denn sie käm selber dar.

57
Der Bote zog ohne Trauern,
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Wohl über das wilde Meer,
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Zu Rom fand er die Frauen,
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Den Brief den gab er ihr:
61
Den thät sie selber lesen,
62
Gar heimlich und gar bald,
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Sie verstund ihres Herren Wesen,
64
Ihr Herz ward ihr gar kalt.

65
Ein Brief schrieb sie wieder weise
66
So gar behendiglich,
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Wie sie nicht möchte reisen;
68
Es wär ja unmöglich,
69
Daß eine Frau möcht fahren
70
Wohl über das wilde Meer,
71
Kein Gut wollt sie nicht sparen,
72
An ihrem Grafen Herrn.

73
Der Bote thät sich eilen,
74
Wohl wieder heim ins Land,
75
Die Frau die stand in Leiden,
76
Gar wohl sie das empfand.
77
So gar in stiller Sache
78
Thät sie das alles gerne.
79
Sie ließ ein Kutten machen,
80
Sich eine Platte scheeren.

81
Die Frau konnt lesen und schreiben,
82
Und andre Kurzweil viel,
83
Sie konnte Harfen und Geigen,
84
Und ander Saitenspiel;
85
Da hing sie an ihr Seiten,
86
Harfen und Lauten gut,
87
Dem Boten that sie nachreiten,
88
Fuhr übers Meer voll Muth.

89
Sie zogen der Tage viele,
90
Die Frau gar wunnesam
91
Aufm Meere hub an zu spielen,
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Jedermann da Wunder nahm.
93
Der Bot saß ihr genüber,
94
Den ihr der Graf geschickt,
95
Die Augen gingen ihr über,
96
Sie kannt ihn, er sie nicht.

97
Der Bote sprach mit Sinnen
98
Wohl zu dem Mönche sein:
99
»herr wollt ihr Gut gewinnen,
100
So ziehet mit mir heim,
101
Zu einem König reiche,
102
Der gibt euch reichen Sold;
103
Er läst euch Speise reichen,
104
Als lang ihr bleiben wollt.«

105
Der Bot ließ nicht davon,
106
Wie sehr der Mönch ihn bat.
107
Sie zogen mit einander,
108
Wohl an des Meers Gestad,
109
Sie zogen alle beide
110
Viel Berg und tiefe Thal,
111
Die Frau im Möncheskleide,
112
Wohl vor des Königs Saal.

113
Der König kam gegangen
114
Mit Rittern und Knechten viel,
115
Die Frau ward schön empfangen
116
Mit ihrem Saitenspiel,
117
Da schlug sie auf der Laute
118
Gar freudenreiche Wort,
119
Die Heiden sprachen all überlaute:
120
Nie hätten sies schöner gehört.

121
Der Mönch saß oben am Tische,
122
Sie hatten ihn lieb und werth,
123
Man gab ihm Wildpret und Fische,
124
Und was sein Herz begehrt;
125
Da sie das also sahe,
126
Dacht sie in ihrem Muth,
127
Da ihr so gütlich geschahe:
128
Mein Sach wird werden gut.

129
Da schlug sie auf der Harfe,
130
Und macht ein frisch Gesang,
131
Gar höflich und gar scharfe,
132
Daß hell der Pallast erklang,
133
Die Heiden musten springen,
134
Damit, da ward es Nacht,
135
Wohl unter denselben Dingen,
136
Ward dem Grafen die Botschaft bracht.

137
Dem Grafen kam die Mehre
138
Von seinem schönen Weib,
139
Wie sie nicht käm dahere,
140
Es wär ihr unmöglich;
141
Viel Schand wär unter den Heiden,
142
Sie käm in große Noth,
143
Der Graf der gedacht im Leide,
144
Nun muß ich leiden den Tod.

145
Die Frau war an dem Hofe,
146
Bis an den andern Tag,
147
Da sah sie nach dem Grafen,
148
Es war ihr gröste Klag,
149
Da ging sie an die Zinne,
150
Gar heimlich unermeldt,
151
Sie ward ihres Grafen inne,
152
Den Pflug zog er im Feld.

153
Wohl zu derselben Stunde,
154
Hob sie viel heiß zu weinen an,
155
Daß sie ihm nicht helfen konnte,
156
Wie sie gern hät gethan;
157
Sie war gar unverdrossen,
158
Sang schöner jeden Tag,
159
Vier Wochen war sie im Schlosse,
160
Eh sie da Urlaub nahm.

161
Der König wollte lohnen,
162
Den Mönch wollt lohnen wohl,
163
Ihn krönt mit goldner Krone,
164
Viel Gelds, ein Schüssel voll:
165
»nimm hin mein lieber Herre,
166
Last's euch verschmähen nicht.«
167
Der Mönch wehrt sich gar sehre:
168
»ist nicht meines Ordens Sitt!«

169
Der Mönch der sprach mit Sitten:
170
»ich will kein solchen Sold,
171
Ein Gab will ich erbitten,
172
Ist nicht um rothes Gold,
173
Und nicht um Edelgesteine,
174
Noch sonst um andern Rath,
175
Dort um den Menschen alleine,
176
Ders Feld umpflüget hat.«

177
Der König sprach mit Fuge:
178
»herr nehmt ihn in Gewalt.«
179
Man bracht den Grafen vom Pfluge,
180
Wohl vor den König bald,
181
Da sprach der König mit Treuen,
182
Und gab dem Grafen Rath:
183
»dank du dem Abentheurer,
184
Der dich erlöset hat.«

185
Die Frau stand an dem Meere,
186
Wohl an dem andern Tag,
187
Der Graf ließ nicht davone,
188
Wollt ziehen zum heiligen Grab,
189
Wiewohl er hät nicht mehre,
190
Weder Habe noch ander Gut,
191
Noch half ihm Gott der Herre,
192
Uebers Meer er fahren thut.

193
Der Grat kam heim gegangen,
194
Bestäubt und ärmiglich,
195
Es hat ihn schön empfangen,
196
Die Fraue säuberlich:
197
»ein Brief hab ich dir geschrieben
198
In Kummer und großer Noth,
199
Da bist du daheime blieben,
200
Du achtest nicht, ob ich todt.«

201
Die Frau die sprach mit Züchten:
202
»herr, das ist alles wahr;
203
Im Brief habt ihr geschrieben,
204
Von eurem Kummer gar,
205
Das lasset euch nicht reuen,
206
Traut lieber Herre mein,
207
Ich durft dem Boten nicht trauen,
208
Ich fürchtet der Ehren mein.«

209
Der Graf, der war daheime,
210
Bis an den andern Tag,
211
Sein Freund die kamen, ihn grüßen,
212
Sie führten der Fraue Klag,
213
Wie sie umzogen wäre,
214
So lange und so spät,
215
Bald hin und wieder heime,
216
Weiß niemand was sie schaffen hat.

217
Die Frau sprang auf gar schnelle,
218
Wohl von dem Tische drat,
219
Sie ging in ihre Kammer,
220
Sie legt die Kutte an,
221
Sie nahm in ihre Hände
222
Die Lauten und Harfen gut,
223
Recht wie sie hat gestanden
224
Vorm König wohlgemuth.

225
Sie trat hinein mit Schalle,
226
Wohl durch die Thür geschwind,
227
Sie thät sie grüßen alle,
228
Die da gesessen sind,
229
Der Graf erfreuet sich balde,
230
Da er sie wieder sah:
231
»das ist der Abentheurer,
232
Der mich erlöset hat!«

233
Da ward die Frau bald jehen:
234
»herr, das ist alles wahr,
235
Ihr habt mich wohl gesehen,
236
Vorm König, offenbar,
237
Der König der thät sprechen,
238
Wohl zu derselben Sach;
239
Du Gefangner und Gebundner,
240
Geh aus ohn Ungemach.«

241
Die Freund erschracken gar sehre,
242
War ihnen schwere Buß,
243
Sie standen auf von dem Tische,
244
Und fielen der Frauen zu Fuß,
245
Sie thäten sie fast bitten,
246
Daß sie ihnen das vergebe,
247
Also wird Fraun abgeschnitten,
248
Ihr Treu und auch ihr Ehr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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