Der Scheintod

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Ludwig Achim von Arnim: Der Scheintod (1806)

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Des Jerman Weizers Fraue ward
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Mit großer Angst beschweret,
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Von wunderbarer Krankheit Art,
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Auch sollt sie bald gebähren,
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Sie betet: Wär das Kind zur Welt,
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Darnach, wenn's Gott dem Herrn gefällt,
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Wollt sie auch gerne sterben.

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Sie starb zu ihrer Kinder Leid,
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Ward in ein Grab getragen,
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Die Kinder gingen lange Zeit
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Vielmal an allen Tagen,
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Wohl auf den Kirchhof zu dem Grab,
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Sie weinten sich die Aeuglig ab,
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Im Hause still zu bleiben.

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Als nun die Frau neun Tage lang,
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Im Grabe hat gelegen,
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Die Kinder nahmen ihren Gang,
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Zum Kirchhof thäten gehen,
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Da hörten sie ein lieblich Stimm
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Auf ihrer Mutter Grab, vernimm,
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Ein Kinder-Liedlein singen.

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Nun schlaf mein liebes Kindelein,
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Sangs mit der Mutter Tone,
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Die Kinder liefen freudig heim,
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Mit einer Blumenkrone:
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»o Vater, lieber Vater mein!
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Geh mit uns auf den Kirchhof ein,
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Die Mutter singet schöne.

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Sie wiegt im Grab ein Kindelein,
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Darum wir Blumen tragen.«
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»ihr lieben Kinder bleibt daheim,
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Eur Mutter schläft ohn Klagen.«
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Die Kinder ließen keine Ruh,
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Der Vater ging dem Grabe zu,
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Thät auch die Stimme hören.

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Ein überlieblich reine Stimm,
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Er hört an diesem Orte,
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Mit Wunderkraft, mit frohen Grimm
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Er reisset auf die Pforte,
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Er hebet auf den schweren Stein,
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Den eichnen Sarg er schlaget ein,
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Dann stürzt er betend nieder.

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Es lag die schöne Fraue da,
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Das Kind an ihrer Seite,
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Die andern Kinder treten nah,
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Sie thät die Arme breiten:
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»herzlieber Mann, dein Kind nimm an,«
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Er sah es voller Freuden an,
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»und laß dich nicht entsetzen.«

50
Das Kindlein lacht den Vater an,
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Sie gingen all nach Hause,
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Ein Bad man thät anrichten dann,
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Man ladet viel zum Schmause.
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Gelehrte kamen auch heran,
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Zu schauen das Mirakel an,
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Zu hören ohne Grausen.

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Da nahm sie einen Becher Wein,
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Dann grüßte sie die Freunde,
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Und sprach: »O Tod, du böser Schein!
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Ich schien wohl todt, ihr weintet,
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Ich wachte auf, und war allein,
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Ich lag im engen Kämmerlein,
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Ein Kind hatt ich geboren.«

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Sie sprach und dankt Gott so rein:
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»dreymal in einem Tage,
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Bracht mir ein kleines Knäbelein,
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Die Speis zum Glockenschlage,
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Daß ich mein Söhnlein nähren konnt,«
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Und sprach: »Neun Tage wart zur Stund,
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Du gehest aus dem Grabe:

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Doch länger nicht als noch drey Jahr,
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Wirst du noch bleiben leben,
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Du sollst es zeigen an fürwahr,
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Den Bösen allen die leben;
75
Sie sollen sich bekehren all,
76
Von Fluchen, Lästern allzumal,
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Der jüngste Tag ist nahe.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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