Moriz von Sachsen

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Ludwig Achim von Arnim: Moriz von Sachsen (1806)

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Mir kam ein schwerer Unmuth an,
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Ich konnt mich selber nicht verstan,
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Und wuste selbst nicht wie mir was,
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Ganz traurig auf mir selber saß,
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Ging in die Stadt wohl hin und wieder,
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Mir war nicht recht, ich legt mich nieder,
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Und must dem Unglück geben Raum,
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Da fiel mir ein ein schwerer Traum.
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Däucht mich, wie ich zu Freiberg,
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Noch war mein Herz mir also schwer,
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Vermeint ich wollt zur Kirchen nun,
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Vielleicht würd' man ein Predigt thun,
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Ich kam zum Dom, war ganz verdrossen,
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Da warn alle Thürn verschlossen,
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Ich dacht es muß nicht recht da seyn,
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Doch klopft ich an, man ließ mich ein.
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Mich fragten, was ich wollt so bald?
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Die ganze Kirch hätt' traurig Gestalt,
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Mit schwarzem Gewand bezogen war
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Die Vorkirche und auch der Altar,
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Viel Wappen sah ich rummer hangen.
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Mit Trauren mein Herz wurd' umfangen,
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Ich ging schnell zu der Kirchen aus,
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Däucht mich, ich wollt' zum Thor hinaus,
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Zum Spitalholz stand mein Begehr.
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Da sah ich erst ein traurig Heer,
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Wenig Volk, viel Fähnlein dabei,
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Die waren von Farben mancherlei,
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Waren zerrissen und zerplundert,
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In meinem Traume es mich sehr wundert,
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Was doch das all bedeuten thät?
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Funfzehn schwarze Fähnlein man hätt,
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Die trug man um ein Leich herum,
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Ich erschrack sehr, und sah mich um,
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Da sah ich ein Haufen in schwarzem Kleid,
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Die trugen allesamt groß Leid,
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Und wollten auch mitgehn zu Grab.
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Nach der Leich, da ritt ein Knab,
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Der hatt einen schwarzen Harnisch an,
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Däucht mich es war ein Edelmann,
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In der Hand hatt' er ein bloßes Schwerdt,
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Die Spitze kehrt' er zu der Erd,
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Und saß so gewaltig verdrossen,
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Auch war der Harnisch durchschossen,
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Hinten unter dem Gürtel 'nein,
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Ich dacht, weß mag die Leiche seyn?
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Von ferne sah ich ein heidnisch Weib,
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Von hohem Blick, von stolzem Leib,
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Mit Schwerdt und Harnisch samt Sturmhauben,
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Gekleidet wie ein Kriegesmann,
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Sie sah mich also traurig an.
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Ich sprach: »Ach Frau, thut mir erlauben,
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Auf daß ich euch möcht reden an.«
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Sie sprach: »Was willst du von mir han,
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Jezund in meinem großen Leid,
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Ich geh dir übelen Bescheid.
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Mir ist betrübet all mein Sinn.«
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Die Sturmhaub wurf sie traurig hin,
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Sie wandt ihre Händ und rauft' ihr Haar,
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Ich fragt': »Weß ist die Todtenbahr?«
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Sie antwort' mir nach kurzer Frist:
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»des Herzog Moritz Leich es ist,
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Den du gekannt so manchen Tag.«
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Ich sprach: »Nun sey es Gott geklagt,
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Ich hab ihn gekannt, das glaubet ihr,
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Ein Wappen gab sein Gnade mir;
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Wie ist er kommen um sein Leben?«
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Sie konnt vor Weinen kein' Antwort geben,
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Sprach schluchzend: »Folg und geh mit mir,
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Groß Wunder will ich sagen dir,
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Wie sich der Fürst in aller That,
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Ritterlich wohl gehalten hat,
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Er war ein theurer Held ganz werth,
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Seines Gleichen lebt jetzt nicht auf Erd,
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Allein daß er zu leicht geglaubt,
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Das hat ihm auch sein Leben geraubt.«
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Und wand ihr Hände sehr zu Gott,
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Sie sprach: »Das ist ein großer Spott,
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Das viel auf beiden Achseln tragen,
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Doch darf man's vor der Welt nicht sagen,
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Das hat den Fürsten ums Leben bracht,
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Ach, ach, ich hab es lang bedacht.«
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Ich sprach: »Frau, eins verzeiht mir noch,
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Und saget mir, wie heißt ihr doch?«
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Zur Antwort sagte sie mir geflissen,
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Und sprach: »Ich heiße Frau Pallas,
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Bin eine Göttin des Kriegs zur Hand,
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That diesem Fürsten auch Beistand,
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Denn aller Krieg, den er anfing,
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Letzlich zufrieden wohl ausging.«
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Ach wie hatt ich im Traum ein Klag;
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Indem brach an der helle Tag.
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Noch konnt ich mich gar nicht bedeuten,
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Da that man schon zur Predigt läuten,
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Ich erwacht von dem Glocken Ton,
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Stund schnell auf, und zog mich an,
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Dacht dem Traum nach in meinem Sinn,
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Ging auch schnell gen Freiberg hin.
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Da fand ich alles in der Stadt,
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Wie mir die Frau gesaget hat,
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Ach, wie weh war mir zu Muth,
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Daß der theure Fürst so gut,
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So schändlich war ums Leben kommen,
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Das hat mich schmerzlich übernommen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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