Der unterirdische Pilger

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Ludwig Achim von Arnim: Der unterirdische Pilger (1806)

1
Ein Pilger wollt ausspüren
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Der Erd' Metallen-Geist,
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Da hieß man ihn spaziren,
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Ins Bergwerk man ihn weist,
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Da führten ihre Schicht
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Vier Männer mit zwei Weibern,
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Die trügen in den Leibern,
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Worauf sein Herz gericht.

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Er glaubts und fuhr in Stollen,
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Da fand er einen Held,
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Deß Faust vom Stahl geschwollen,
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Zum Schlegel sich wohl stellt,
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An Kleidung war er roth:
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Nachdem der Krieg geendet,
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Zur Arbeit er sich wendet,
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Wollt er nicht leiden Noth.

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Der fuhr mit harten Worten,
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Den fremden Landsmann an,
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Sprach: »Wer zeigt dir die Pforten,
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Die keiner treffen kann?
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Wer stählet deinen Muth,
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Dich so ohn Furcht zu wagen?
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Wen suchst du wegzutragen,
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Hat deine Brust auch Blut?«

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Der Gast erschrack darüber,
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Doch gab er Antwort drauf,
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Sprach freundlich zu ihm: »Lieber!
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Mein Held, halt mich nicht auf:
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In den Berg soll ich gehen;
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Vier Männer stark von Leibern
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Die sollen mit zwei Weibern
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Allhier in Arbeit stehn.

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Die Stuffen die sie puchen,
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Die sollen der Zeuch seyn,
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Den alle Weisen suchen,
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Aus dem der Weisen Stein
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Wird künstlich zugericht,
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Drum bin ich hergezogen;
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Werd ich auch seyn betrogen?
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Krieg ich ihn, oder nicht?«

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»du hast wohl recht vernommen,«
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Sagt ihm der erste klar:
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»vier Männer sind herkommen
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Mit dem Fraun-Zimmer-Paar,
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Und haben, was du willt
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Besonders und zusammen,
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Weil wir von einem Stammen:
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Doch merke, was es gilt.

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Ich zweifle noch am Kriegen,
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Wir habens tief versteckt,
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Den kannst du zwar besiegen
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Ders leichtlich dir entdeckt,
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Ich geb es warlich nicht,
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Es sey denn daß im Kämpfen,
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Du meine Macht kannst dämpfen
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Und mich dein Schwerdt hinricht.

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Hier, hier in der Herzkammer
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Trag ich den edlen Schatz:
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Kannst du mit deinem Hammer
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Dir dazu machen Platz,
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So büß ich leider ein:
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Denn dieses muß mir geben,
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Kraft, Nahrung, Stärk und Leben,
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Und allen, die hier seyn.«

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»du bist ein harter Knorren,«
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Hub drauf der Pilger an,
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»ich bleib itzt unverworren
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Mit dir, du Krieges-Mann,
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Wiewohl ich könnte thun,
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Wie David mit der Schleuder,
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Doch ich schon' unser beider,
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Und will dich lassen ruhn.«

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»ich rath dirs,« sprach der Hauer,
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»tritt mir nicht auf den Fuß,
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Mein Liebchen sieht auch sauer,
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Im Fall sie kämpfen muß;
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Reiz ihre Waffen nicht,
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Ist mein Zorn Leuen-Werke,
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So thut sie Leuin-Werke,
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Wenn man auf sie loß sticht.

81
Laß unsern Hauptmann sitzen,
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Laß seine Frau zu Ruh:
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Was kann ein König nützen?
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Die Königin dazu?
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Ihr Pralen ist zu groß,
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Kannst du gleich was erheben,
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So must du viel ausgeben,
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Eh dein Gewinn steht bloß.

89
Doch wirst du weiter gehen,
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Ins innerste Gemach,
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Wirst du sehn andre stehen,
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Die füllen Dach und Fach:
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Bewältigest du sie,
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So kannst du fröhlich leben,
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Und deinem Nächsten geben,
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Was er darf spät und früh!«

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Der Fremde fuhr bald weiter,
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Und lief den Strecken nach,
99
Kein Mensch war sein Begleiter,
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Er fand ein neues Dach;
101
Da stand ein glänzend Mann,
102
Mit Kleidung wohl versehen,
103
Den sprach der Gast mit Flehen,
104
Gleich wie den ersten an.

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Der Knappe gab ihm wieder,
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Mit Nein! Nein! nur Bescheid:
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»sollt ich und meine Brüder,
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Uns tödten vor der Zeit,
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Das ist zu viel begehrt:
110
Der König selbst muß sterben,
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Die Königin verderben,
112
Wird dir dein Wunsch gewährt.«

113
Dem Fremden stach das Fünkeln
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Des Mannes ins Gesicht,
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Daß er zu allen Winkeln,
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Im Augenblicke richt,
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Ob jemand zu der Hand,
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Der seinen Sinn möcht merken,
119
Und ihn von seinen Werken,
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Abtreiben mit Bestand.

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Er dacht ihn umzubringen,
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Zu rauben seinen Schatz,
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Meint, es würd ihm gelingen,
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Weil er so kriegte Platz,
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Den König auf die Bahr,
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Sammt dem Gemahl zu legen,
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Dieweil durch jenes Regen,
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Auch lebte dieses Paar.

129
Weil er nun ganz alleine,
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Greift er den Knappen an,
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Der mit dem klaren Scheine,
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Die Fremden reizen kann;
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Stößt nach der Gurgel frei,
134
Der schreit, Gewalt zu sparen,
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Er will ihm offenbahren,
136
Was ihm annehmlich sey.

137
Der Gast ließ sich erbitten,
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Und fragte: Was er sey?
139
Der sprach: »Hinein geschritten!
140
Da sitzet an der Reih
141
Ein alt kißgrauer Mann,
142
Der hat mehr von den Schätzen,
143
Der kann dich baß ergötzen,
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Als ich dir zeigen kann.

145
Es wird dir frei gelingen,
146
Die vorgesetzte Sach,
147
Und kannst ihn leicht bezwingen,
148
Weil er von Alter schwach:
149
Der ists, der Hüter ist
150
An königlicher Pforten,
151
Dem man ein zu antworten,
152
Den Schlüssel hat erkießt.«

153
Der Fremde ging von dannen,
154
Fand endlich einen Greiß,
155
Der leicht zu übermannen,
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Ohn alles Blut und Schweiß,
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Sein Kittel war gering,
158
Er sah beschmutzt, elende,
159
Und lehnt sich an die Wände,
160
Betrübt, weils ihm so ging.

161
Der Pilger sprach ingleichen,
162
Ihn um den Handstein an,
163
Er möcht ihm den doch reichen;
164
Der Geist sprach: »Lieber Mann,
165
Gehst du dem Zeuge nach,
166
Nach dem die Herrn und Fürsten,
167
Unmenschlich brennend dürsten,
168
Wie Tantalus am Bach?

169
In mir kannst du ihn haben,
170
Ich bin schwach! sonder Müh,
171
Weil ich die theuren Gaben,
172
Im Magen trag allhie,
173
Davon mir Nahrung kömmt,
174
Und aller andrer Leibe;
175
Nicht, wie der mit dem Weibe,
176
Der über dich ergrimmt.

177
Derselbe trägts im Herzen,
178
Und schleußts inwendig ein,
179
Doch macht es mir viel Schmerzen,
180
Soll ich Gewährs-Mann seyn?
181
Mein Grab ist ja dein Stoß,
182
Ach schone meines Lebens!
183
Was würgst du mich vergebens?
184
Ich bin alt, arm und bloß.

185
Ich bin der Kinder-Fresser,
186
Was Noth, daß du viel lochst?
187
Mein Nachbar hat viel besser,
188
Was du so emsig suchst;
189
Drum prahlt er also sehr,
190
Er ist, schau nur ein Lager,
191
Der Königin Herr Schwager,
192
Was willt du ferner mehr?

193
Hast du den übertäubet,
194
So hast du mehr Gewinn,
195
Wie sehr er sich auch sträubet,
196
Nimmst du sein Reichthum hin,
197
Viel eher, als bei mir,
198
Mir Armen und Verachten,
199
Ich geb es zu betrachten,
200
Was meines Stands-Gebühr.«

201
Der Pilger trug Erbarmen,
202
Ließ sich dies machen weiß,
203
Dacht heimlich: Von dem Armen,
204
Erhalt ich keinen Preiß,
205
Eh will ich mit Gewalt
206
Durch ritterliches Kämpfen,
207
Den nächsten Nachbar dämpfen,
208
Giebt ers nicht alsobald.

209
Gesegnet so den Alten,
210
Und geht von ihm hinweg:
211
Der mocht sich nicht enthalten,
212
Weil jener von dem Zweck
213
In Eil verführet war,
214
Daß er nicht in der Stille,
215
Sich in der grauen Hülle,
216
Zulachte, gut und gar.

217
Bei so gestalten Sachen,
218
Sah unser Gast zurück,
219
Und sah den Schmutzbart lachen,
220
Rief lachend: »Altes Stück,
221
Was lachst du mich viel aus?
222
Sieh da! Bist du der Schleicher,
223
Der manchen armen Streicher
224
Gebracht um Hof und Haus?

225
Kannst du den Jäcken stechen,
226
So stech ich dir ihn auch,
227
Den Hals will ich dir brechen,
228
Wie hart auch dir der Bauch,
229
Treib denn mit andern Spott:
230
Den Schatz must du mir geben,
231
Wie lieb dir auch dein Leben«:
232
Und stieß ihn also todt.

233
Dis war des Reisens Ende,
234
Der Pilger kam anheim,
235
Und grub in eine Blende,
236
Den jetzt gesungnen Reim.
237
Wer sich mit dieser Sach,
238
Einmahl auch will besachen,
239
Schau auf des Alten Lachen,
240
Natur die spricht: Mir nach!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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