Lied vom alten Hildebrandt

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Ludwig Achim von Arnim: Lied vom alten Hildebrandt (1806)

1
»ich will zu Land ausreiten,«
2
Sprach Meister Hildebrandt,
3
»wer wird die Weg mir weisen
4
Gen Bern wohl in das Land?
5
Unkund sind sie geworden
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Mir manchen lieben Tag,
7
In zwey und dreyßig Jahren
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Frau Utten ich nicht sah.«

9
»willt du zu Land ausreiten,«
10
Sprach Herzog Amelung,
11
»was begegnet dir auf der Heiden?
12
Ein stolzer Degen jung.
13
Was begegnet dir in der Marke?
14
Der junge Hildebrandt,
15
Ja rittest du selb zwölfe,
16
Von ihm würdst angerannt.«

17
»und rennet er mich an,
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In seinem Uebermuth,
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Zerhau ich seinen grünen Schild,
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Das thut ihm nimmer gut,
21
Zerhau ihm seine Bande,
22
Mit einem Schriemenschlag,
23
Daß er's ein ganzes Jahr
24
Der Mutter klagen mag.«

25
»und das sollt du nicht thun!«
26
Herr Dieterich wohl spricht,
27
»denn dieser junge Hildebrandt
28
Ist mir von Herzen lieb.
29
Zu ihm sollst freundlich sprechen,
30
Wohl durch den Willen mein,
31
Daß er dich lasse reiten,
32
So lieb ich ihm mag seyn.«

33
Da er zum Rosengarten reit,
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Wohl in der Berner Mark,
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Er kam in viel Arbeit;
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Von einem Helden stark,
37
Von einem Helden jung,
38
Ward er da angerannt.
39
»nun sage mir, viel Alter,
40
Was suchst in Vaters Land?

41
Du führst den Harnisch eben,
42
Wie eines Königs Kind,
43
Du machst mich jungen Helden
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Mit sehnden Augen blind;
45
Du sollst daheime bleiben,
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Beym guten Hausgemach,
47
Bey einer heißen Glute.«
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Der Alte lacht und sprach:

49
»sollt ich daheime bleiben
50
Bey gutem Hausgemach?
51
Ich bin in allen Tagen
52
Zu reisen aufgesezt,
53
Zu reisen und zu fechten
54
Bis auf mein Heimefahrt;
55
Das sag ich dir, viel Junger,
56
Drauf grauet mir der Bart.«

57
»dein Bart will ich ausraufen,
58
Das sag ich, alter Mann,
59
Daß dir dein rosenfarbnes Blut
60
Die Wangen überläuft;
61
Dein Harnisch und dein grünes Schild
62
Mußt du mir hierauf geben,
63
Dazu auch mein Gefangner seyn,
64
Willt du behalten Leben.«

65
»mein Harnisch und mein grünes Schild
66
Mich haben oft ernährt;
67
Ich traue Christ vom Himmel wohl,
68
Ich will mich deiner wehren!«
69
Sie ließen von den Worten,
70
Und zogen scharfe Schwerdt,
71
Was diese zwey begehrten,
72
Des wurden sie gewährt.

73
Ich weiß nicht, wie der Junge
74
Dem Alten gab ein'n Schlag,
75
Deß sich der alte Hildebrandt
76
Von Herzen sehr erschrack,
77
Sprang hinter sich zurücke,
78
Wohl etlich Klafter weit:
79
»nun sag du mir, viel Junger,
80
Den Streich lehrt' dich ein Weib!«

81
»sollt ich von Weibern lernen,
82
Das wäre mir ja Schand',
83
Ich hab viel Ritter, Grafen,
84
In meines Vaters Land;
85
Auch sind viel Ritter, Grafen,
86
An meines Vaters Hof,
87
Was ich nicht lernet hab,
88
Das lern' ich heute noch.«

89
Er nahm ihn in der Mitte,
90
Da er am schwächsten war,
91
Und schwang ihn dann zurücke,
92
Wohl in das grüne Gras.
93
»nun sage mir, viel Junger,
94
Dein Beichtvater will ich seyn,
95
Bist du ein junger Wolfinger,
96
Von mir sollt du genesen.

97
Wer sich an alte Kessel reibt,
98
Empfahet gerne Rahm,
99
Also geschiehet dir Jungen
100
Von mir altem Mann;
101
Dein Geist mußt du aufgeben,
102
Auf dieser Heiden grün,
103
Das sag ich dir gar eben,
104
Du junger Helde kühn.«

105
»du sagst mir viel von Wölfen,
106
Die laufen in das Holz,
107
Ich bin ein edler Degen
108
Aus deutschem Lande stolz.
109
Mein Mutter heißt Frau Utte,
110
Die edle Herzogin,
111
Und Hildebrandt der Alte,
112
Der liebste Vater mein.«

113
»heißt deine Mutter Utte,
114
Die edle Herzogin,
115
So bin ich Hildebrandt der Alte,
116
Der liebste Vater dein!«
117
Aufschloß er seinen grünen Helm,
118
Küßt ihm auf seinen Mund,
119
»nun muß es Gott gelobet seyn!
120
Wir sind noch beid' gesund.«

121
»ach Vater, liebster Vater!
122
Die Wund die ich geschlagen,
123
Die wollt ich dreimal lieber
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An meinem Haupte tragen.«
125
»nun schweig, mein lieber Sohn!
126
Der Wunden wird wohl Rath,
127
Nun muß es Gott gelobet seyn,
128
Der uns zusammen bracht!«

129
Das währte nun von Neune
130
Bis zu der Vesperzeit,
131
Allda der junge Hildebrandt,
132
Zu Bernen einher reit.
133
Was führt er auf dem Helme?
134
Von Gold ein Kreuzelein.
135
Was führt er auf der Seiten?
136
Den liebsten Vater sein.

137
Er führt ihn zu der Mutter Haus,
138
Ihn oben an zu Tisch,
139
Und bot ihm Essen und Trinken,
140
Das däucht der Mutter fremd.
141
»ach Sohne, liebster Sohne mein!
142
Der Ehren ist zu viel,
143
Du setzest den gefangnen Mann
144
Ja oben an den Tisch.«

145
»nun schweiget, liebste Mutter,
146
Und höret was ich sage:
147
Er hätt' mich auf der Heiden,
148
Schier gar zu tod geschlagen.
149
Nun hört mich, liebe Mutter!
150
Gefangen sollte seyn,
151
Herr Hildebrandt der Alte,
152
Der liebste Vater mein?

153
Ach Mutter, liebste Mutter!
154
Ihm biethet Zucht und Ehr.«
155
Da hub sie an zu schenken,
156
Und trugs ihm selber her.
157
Er trank, und hatt' im Munde,
158
Von Gold ein Ringelein,
159
Das fiel da in den Becher
160
Der lieben Frauen sein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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