Die heiligen Zeichen

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Ludwig Achim von Arnim: Die heiligen Zeichen (1806)

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Wunder! schreit's durch alle Gassen,
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Auch die Priester Wunder! schreien:
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»ihr sollt neuen Glauben fassen,
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Euch durch diese Zeichen weihen.

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Seht die Brust der kranken Nonne
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Ist bezeichnet mit dem Kreutze,
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Mit des Dornenkranzes Sonne
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Glüht die Stirn vom Schmerzensreitze.

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Und die heilgen Nägelmahle
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Schimmern roth an Händ' und Füßen,
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So will Gott im Erdenthale
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Lange Leiden ihr versüßen.

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Wie der Herr des Walds erst stellet
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Zeichen zu den schönsten Eichen,
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Eh er sie zur Kirche fället
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Die den Himmel soll erreichen;

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So ist Gott der Sohn gekommen
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Oeffnet mit den heilgen Wunden
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Kopf und Herz, die noch beklommen
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Von den letzten Erdenstunden.

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Seht sie sterben, seht sie scheiden
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Sie ist unser, bleibt uns eigen,
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Solcher Tod ist zu beneiden
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Und sie wird einst für uns zeugen.

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Auf dem Altar unsrer Kirche
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Wird der Leichnam bald verehret,
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Daß sie segnend Wunder wirke
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In dem Glauben, den sie lehret.«

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Tausend stehen an dem Bette,
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Gnädger Gott, die Heilge rette
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Statt dies Zeichen ihr zu schenken.

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Daß sie hier mit ihrer Lehre
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Aus dem nahen selgen Anschaun
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Unsern irdschen Wahn zerstöre
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Und des Herzens Eis mag aufthaun.

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Dieses Wunder mich nicht wärmet,
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Dieses Zeichen mir nicht strahlet,
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Wo ein Volk im Glauben schwärmet
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Ist ein Trugbild leicht gemahlet.«

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Zornig drohet ihm die Menge,
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Doch die Nonne winket Frieden,
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Wieder kniet nun das Gedränge,
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Ruft nach Segen bey der Müden.

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Und mit ihrem letzten Athem
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Hebt die Fromme ihre Stimme:
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»segne
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Der mich führt, wohin ich klimme.

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Achtet höher nicht die Zeichen
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Als den Geist, der ist das Wesen,
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Diese Zeichen müssen weichen
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Dem

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In dem ausgezehrten Leibe
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Wurden frey der Seele Flügel,
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Und im heilgen Zeitvertreibe
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Drückte sie mir auf das Siegel.

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Wo ich
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Wo die Hände mich gekühlet,
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Wenn der Geist zu Gott getragen.

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Wo die Händ' im Schlaf gefalten,
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Und die Füße sich geschlossen,
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Mußte Krankheit mir gestalten,
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Was mich innerlich durchflossen.

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Kron und Kreutz auf Stirn und Herzen
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Sind der Leiden blutge Kunde,
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Linderten der Krankheit Schmerzen,
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Floß das Blut aus jeder Wunde.

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Wenn mein Herz zu Gott beweget
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An dem Tag, wo er gelitten,
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Floß das Blut, vom Geist erreget,
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Wohlseyn lohnte meine Bitten.

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Fühlt den Schmerz, den ich gelitten,
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Betet stets bey diesen Zeichen,
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Und
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Was dem

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Eine Wahrheit glaubt den Zeichen,
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Daß ich nie vom Herrn gewichen,
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Nur der Geist kann ihn erreichen
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Nie hat er den Leib bestrichen.

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Wenn die Zeichen hier erblassen
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Ehret ihn in seinen Worten,
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Die er sterbend uns gelassen,
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Sie eröffnen Himmelspforten.

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Betet nicht zu todten Leichen,
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Lebend Wort ist Fleisch geworden,
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Wohnet unter uns als Zeichen,
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Weihte mich zum keuschen Orden.«

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Bey dem Worte sinkt sie nieder,
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Und der
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Ruft: »Ich seh dich Seele wieder,
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Wenn die Augen mir gebrochen.

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Fromme Lüge nahm mir Glauben
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Trieb aus Kirchen mich ins Freye,
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Wenn das Blatt fällt reifen Trauben,
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Wahrheit führt zurück zum Glauben.

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Wahrheit, die dem Volk gebeichtet
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Ist der echte Glaubens Zunder,
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Wahrheit wärmet und erleuchtet
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Nie erlischt ihr ewges Wunder.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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