Beichte

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Ludwig Achim von Arnim: Beichte (1806)

1
Der Sonntag winkt mit stillen Blicken
2
Und schmückt ein jedes Blumenbeet,
3
Der Gärtner will ein Sträußlein pflücken,
4
Weil seine Frau zur Kirche geht.
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Und kann sich immer nicht entschließen,
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Wo er sein Messer brauchen soll,
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Die Blumen sich im Thau noch küssen
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Und Herz am Herzen hängt so voll.

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Da kommt sein junges Weib gegangen,
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Ihr schwarz Gebetbuch in der Hand,
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Ihr Blick gesenkt im frommen Bangen,
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Zur Laube hat sie sich gewandt;
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Wie heimlich glüht die Geisblattlaube,
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Ihr Schatten ist ein duftig Bad,
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Und drinnen girrt die Turteltaube
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Und Nelken glänzen an dem Pfad.

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Da spricht die Frau mit bangen Sorgen:
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Vergessen ist die Sündenschuld,
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Was wollt ich beichten heute Morgen,
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Ach Gott, hab nur mit mir Geduld.
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Ach hätte ich nur eine Stunde,
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Mir fielen wieder Sünden ein,
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Aus welchem bösen Sündengrunde
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Mag ich wohl so vergeßlich sein.

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Der Gärtner hat sich nicht verstecket,
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Doch ist er nicht von ihr gesehn,
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Die Reben haben ihn gedecket,
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Er staunet still, wie sie so schön;
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Es kniet sein Weib am Bänklein nieder
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Und deckt das holde Angesicht,
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Und steht dann auf und saget wieder:
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Was ich gesündigt, weiß ich nicht.

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Der Mann will eben zu ihr springen,
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Und ihr in Kraft von Lieb und Lust,
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Vergebung für die Sünde bringen,
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Die ihrem Herzen unbewußt,
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Da hört er eine Harfe klingen,
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Sieht eine Frau mit grünem Hut,
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Die ihr will süße Früchte bringen,
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Die Frau sagt wahr und ist ihr gut.

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Sie küßt die Hand des schönen Weibes
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Und rufet mit Verwundrung aus;
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»du bist gesegnet Deines Leibes,
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Und Segen kommt nun in Dein Haus!«
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Beschämt will es die Frau nicht glauben,
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Und klagt wie schwer zu Muthe ihr,
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Tyrola spricht: »Eh reif die Trauben,
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Die jetzt so hart, dann glaubst Du mir.«

49
Ihr glaubt die Frau und heil'ge Blicke
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Wie Perlen sie umkränzen schön,
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Tyrola singt von ihrem Glücke
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Zu ihrer Harfe Vollgetön;
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Was sie gedrückt war keine Sünde,
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Es war die ungewohnte Lust,
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Daß sie den Dank zu Gott verkünde,
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Erhebt Gesang die freud'ge Brust.

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In wessen Herz die Sünde schweiget,
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Da klingt des Herren Lobgesang,
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Das Dasein sich so freundlich zeiget,
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Wenn neue Hoffnung es durchdrang,
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Sie fleht, daß sie der Herr durchdringe
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Mit seines Geistes Gegenwart,
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Daß früh ihr Kind den Geist empfinge,
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Wenn es noch bildsam, rein und zart.

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Da kann der Gärtner sich nicht halten,
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Er stimmt in's fromme Lied mit ein,
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Und muß die Hände betend falten:
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So muß sich eine Kirche weihn!
69
Und er gelobt, an dieser Stelle,
70
Zum Angedenken dieser Gunst,
71
Will er erbauen die Kapelle
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Mit hocherfahrner Bildner Kunst.

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Es steht die Frau in Scham betroffen,
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Woher er ihr Geheimniß weiß?
75
Er spricht: »Ich sah den Himmel offen,
76
Ein Engel sagte es mir leis:
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Und alles Geld, was Du gesparet,
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Den Armen gieb zum Freudenmahl,
79
Daß Gott, der Herr, Dein Kind bewahret
80
Und führt es leicht zum Sonnenstrahl.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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