Heldenlauf

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Ludwig Achim von Arnim: Heldenlauf (1814)

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Frisch zu! das ist mein erster Ruf,
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Will rasch die Welt beschau'n:
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Wie sie der frische Morgen schuf,
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Und mich daran erbau'n.
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Ich schwing' mich auf mein Ritterpferd
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Und werfe weg den Zaum,
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So rennt und gras't es auf der Erd'
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Bei meinem Morgentraum.

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Geht auch mein Pferdchen mit mir durch,
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Es geht nicht zu geschwind,
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Denn unten dröhnt noch feste Burg
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Und oben saust der Wind;
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Der Wind, der durch die Haare saust,
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Der singt mein Morgenlied:
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Vom Adler, der sich kaum gemaust
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Und schon zur Sonne zieht.

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Gern dräng' ich in den Morgenglanz,
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Doch steh ich schon am Meer;
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O wie so golden eins und ganz
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Scheint Meer und Himmel her;
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Wie einer Muschel offnes Haus
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Ist Meer und Luft vereint
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Und eine Perle steigt heraus:
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Ein Schifflein so erscheint.

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Vom Schiffe treten auf den Strand
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Zwei Frau'n von edlem Blick,
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Als wären sie von heil'gem Stand,
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Und Zeichen vom Geschick.
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Die Eine stets voraus gesehn,
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Tritt erst in meinen Lauf;
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Es mißt ihr Schritt den Weg im Gehn,
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Sie schreibt sich Alles auf.

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Der tret' ich neckend ins Geheg,
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Sie reizt den Eigensinn;
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Ach, wäre ich nur wieder weg,
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Sonst bin ich wahrlich hin.
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Vom Pferde zieht sie mich herab,
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Die Schleppe trag' ich ihr;
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Ihr Auge tief, so wie ein Grab,
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Blickt selten nur nach mir.

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Sie nennet sich die Wissenschaft,
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Sie nimmt mich in die Lehr',
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Und giebt nichts meiner Leidenschaft,
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In der ich mich verzehr'.
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Ich schleiche sanft von ihr mich fort
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Zur andern, die mir singt:
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»für jeden Sinn ist nur
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Ein Klang nur, der ihn zwingt.

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Wer dieses Wort im Herzen hält,
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Und singt es nicht heraus,
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Der ist wohl unstät auf der Welt
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Und Qual ist ihm sein Haus.
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Du armes Herz, sag mir dein Wort,
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Zu meinem hellen Klang,
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Ein gutes Wort hat seinen Ort
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Unsterblich im Gesang.«

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Wie wird mir da auf einmal leicht
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Im Herzen, im Verstand;
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Ein heller Strahl zum Himmel steigt:
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Ich gab ihr Wort und Hand.
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Die Sängerin nennt sich die Kunst,
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Ach, wie gefällt sie mir!
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Doch Wissenschaft verlangt auch Gunst,
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Weil ich zuerst bei ihr.

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Und sagen möcht' ich aller Welt,
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Was ich gefühlt, gelernt,
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Da hat sich Niemand mir gesellt,
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Mein Ernst die Welt entfernt.
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Ich klag: »Ihr seid mir Beide nichts,
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Wenn ich mit euch allein,
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Wenn sich kein Volk des innern Lichts
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In Unschuld will erfreu'n.

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Schafft mir ein Volk, das mit mir fühlt,
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Und gern die Lehre faßt,
75
Daß dieser Strahl in mir nicht kühlt
76
Und nicht mit mir erblaßt.«
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Sie weisen mich nun zur Geduld,
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Die uns als Magd gedient,
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Doch ich verschmähe ihre Huld,
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Mein Muth hat sich erkühnt.

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»noch habe ich mein Ritterpferd,
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Noch kann ich euch entfliehn,
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Eh Abend löscht den Feuerheerd,
84
Will ich mit Vielen glühn.
85
Es blinkt die Welt von neuer Sonn':
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Es ist der Waffen Licht;
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Gehabt euch wohl ich reit davon,
88
Dort fehlt das Volk mir nicht!«

89
Es zieht der Krieg zu uns heran,
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Ein
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Theilt Waffen aus an Jedermann
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Und löst mir jeden Wahn.
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Er spricht: »Ich hab' dich lang' belauscht
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Und auch die beiden Frau'n,
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Sie haben dich schier ausgetauscht,
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Darfst ihnen nicht vertrau'n.

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Mach' keine Langeweil der Welt,
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So bist du tugendhaft,
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Nur That und Tod ihr jetzt gefällt,
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Gott's Lob ist deine Kraft.
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Er giebt ins Herz Zerstörungslust,
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Wo Schöpfungskraft gehemmt,
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Du zwingst die Welt dir unbewußt,
104
Wenn nichts dein Herz beklemmt.

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Wie Schwerd am Schwerdte wiederklingt,
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Klingt Herz am Herzen auch;
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Gemeinsam ist, was uns verjüngt,
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Zur Flamme wird der Rauch.«
109
Und ein Vertrauen wunderbar
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Ergreift mich bei dem Wort,
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Verbrüdert mich der Heldenschaar
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Und zieht mich freudig fort.

113
Ja ich ersah der Waffen Ziel,
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Versteh der Fahnen Flug,
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Und Wissenschaft erscheint als Spiel
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Und Kunst als ein Betrug.
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Frisch drauf! das ist mein letzter Ruf,
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Die weite Welt ist mein:
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So weit noch meines Rosses Huf
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Haut Funken aus dem Stein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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