Der Herr da wird verkommen

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Ludwig Achim von Arnim: Der Herr da wird verkommen Titel entspricht 1. Vers(1806)

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Der Herr da wird verkommen,
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Er bloßen Müßiggang treibt,
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Hat nichts sich vorgenommen,
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Nicht weibt.

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Er sitzt auf seinem Hofe
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Den ausgeschlagnen Tag,
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Sieht nicht, was er bei Hofe
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Vermag.

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Er steigt nicht gerne Stufen,
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Hoffahrt will haben den Zwang;
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Wer braucht ihn? der wird rufen:
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Nicht lang.

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Er wartet auf ein Rufen
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Aus seiner innern Brust,
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Was Schönes je wir schufen,
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Schafft Lust.

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Ihm träumt einst Morgens frühe
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Er sehe von dem Altan,
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Als trieb ein Hirsch so glühe
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Bergan.

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Geweih, die sind verguldet,
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Es zieht zum Schloß ihn so nach,
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Zur Fürstin unverschuldet! –
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Wird wach!

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Am Brunnen er sie sahe,
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Ganz trocken war ihm sein Mund,
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Sprang hin zum Fenster nahe
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Zur Stund.

29
Da sieht er, sieht er eilen
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Den Hirsch mit güldnem Geweih,
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Er springt ihn zu ereilen
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Herbei.

33
Der Hirsch zieht hin zum Garten
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Der Fürstin droben im Land,
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Dem Jäger, dem erstarrten,
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Verschwand.

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Er sieht die Fürstin stehen
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Am Bronn wie dorten im Traum,
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Noch matt von Kindes-Wehen,
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Glaubt's kaum.

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Sie wäscht ihr Kindlein kleine
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Am kalten Bronnen, daß es schreit,
43
Der Graf steht wie von Steine
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Nicht weit.

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Ihr Haar wie Strahlen streuet
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Der Wind, die Kron' da liegt,
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Das Kindlein, das sich freuet,
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Drein wiegt.

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»ach Kindlein, du mußt sterben,«
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Die Fürstin weinend da sagt,
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»mein alter Mann sich Erben
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Versagt.«

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Der Herr beugt seine Kniee,
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Nimmt still das Kindlein auf:
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Nimm auch die Krone, fliehe
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Berg auf.

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Er zieht das Kind auf Bergen,
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Nach Hause darf er nun nicht,
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Im Wald kann er's verbergen,
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Da nicht.

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Doch als die Glocken schallen,
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Der Fürst gestorben da ist,
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Zeigt Kron' und Kind er allen
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Mit List.

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Die Fürstin hoch ihn preiset,
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Sie krönt ihr Kindelein zart.
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Er alle Noth verweiset:
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Wart, wart!

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Da unter ihren Räthen
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Der Herr ihr gehet zu nah,
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Auf's Goldkleid ihr thut treten,
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Sie's sah.

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Sie mißt ihn mit den Augen:
74
»ihr tretet viel mir zu nah,
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Mögt wohl für Kinder taugen,
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Nicht da.«

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Der Herr sich still verbeuget,
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Auf's Kind ein Thränelein fällt,
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Er sagt; »Wer nimmer steiget,
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Nicht fällt.«

81
Er kehrt mit raschen Schritten
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Zu seinem Haus zurück,
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Er meint bald riefen Bitten
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Zum Glück.

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Die Fürsten bitten nimmer,
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Er lebt von trockenem Brod,
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Und träumt von ihr noch immer
88
Zum Tod.

89
Drum hütet euch vor Fürsten,
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Denn Freunde werden sie nie,
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Ihr möget hungern, dürsten
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Für sie.

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Dem Vaterlande dienet,
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Gedenk' des Blutes, des Gut's,
95
Seid, weil ihr's euch erkühnet
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Gut's Muth's.

97
Darf sich das Blut nicht mischen,
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Der muß auch Lieb' verschmähn,
99
Der Frost muß ihn erfrischen,
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Wähl' den.

101
Nur in der Liebe Wählen
102
Hält Zutraun stammende Kraft,
103
Wo Häuser sich vermählen,
104
Kein Saft.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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