Die Staatsbosheit

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Ludwig Achim von Arnim: Die Staatsbosheit (1807)

1
»schaut die goldne Wunderuhr,
2
Kinder, Greise sie umstehen,
3
Fremde kommen, sie zu sehen,
4
Denn sie kennt der Sterne Spur.«

5
»tausend Räder, groß und klein,
6
Greifen klingend eins am andern,
7
Wer hinein da wollte wandern,
8
Würde gleich verloren sein.«

9
»künstlicher als alle Welt
10
Zeigt sie alle Welt im Kleinen,
11
Sonn' und Mond hindurch da scheinen,
12
Und der Meister steht als Held.«

13
»jede Stund' zeigt spielend an,
14
Welche Arbeit muß geschehen,
15
Jedes Handwerk kann sich sehen
16
Und bedankt sich bei dem Mann.«

17
»wunderbare Menschenstärk,
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Nur der Meister kann's nicht sehen,
19
Ihm ist Unglück da geschehen,
20
Er erblindete beim Werk!«

21
Wie sein Werk die Städter lenkt,
22
Was sie treiben und vollführen,
23
Muß ein Hund am Strick ihn führen,
24
Mehr als ihr ist was ihr denkt.

25
Der Gedanke ist das Licht,
26
So regiert er alle Wesen,
27
Weil sie nur in ihm gewesen,
28
Er aus allen zu uns spricht.

29
Mühsam von dem Hund geführt,
30
Bittet er nun von dem Rathe
31
Seinen Lohn, daß er verrathen,
32
Was des Himmels Witt'rung führt.

33
»weil nun Schiffe sicher ziehn,
34
Saat und Ernte kann beginnen,
35
Werde ich den Lohn gewinnen,
36
Jugend war mir schwer Bemühn.«

37
»viel zu viel verspracht ihr mir,
38
Habt bis jetzt noch nichts gegeben,
39
Und ich führ' ein elend Leben,
40
Gebt die Hälfte gleich allhier.«

41
»du bist doch ein Fremdling nur,
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Und wir müßten uns ja schämen,
43
Daß kein Bürger anzunehmen,
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Zu viel Geld für eine Uhr!«

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»fremdling bin ich nimmermehr,
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Wo ich erst den Staat geschaffen:
47
Wart ihr nicht der Väter Affen,
48
Eh' ich Geist geweckt durch Lehr'?«

49
Still geht er nach seinem Haus,
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Nur von seinem Hund geleitet,
51
Seine Uhr zum Rathsschmaus läutet,
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Sie vergessen ihn beim Schmaus.

53
Weißes Haar ihn schnell umwallt,
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Einmal kriecht er noch zum Rathe,
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Bat nur noch um eine Gnade:
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»führt mich noch zur Uhr recht bald.«

57
»wirklich fühl' ich mich so schwach,
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Will von euch dann nichts mehr fordern!«
59
Und der Rath läßt dies beordern,
60
Weil die Schuld erlischt danach.

61
Feierlich geht da der Zug,
62
Wohlfeil sind des Volkes Feste,
63
Müßigsein des Rathes Beste,
64
Milde scheinen thut genug.

65
Einer führet ihn am Arme,
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Kann das Lachen kaum verbeißen,
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Und zwei Andre Zoten reißen
68
Mit der Mädchen leichtem Schwarm.

69
Zu der Uhr steigt er hinauf,
70
Er umfaßt die Schöpfung wieder,
71
Bricht den Leitstern drin hernieder:
72
»ewig steht sie! Aus der Kauf!«

73
Wie im jüngsten Strafgericht,
74
Alles leere Treiben schwindet,
75
Und in leerer Luft umwindet
76
Sie der Hölle Flammenlicht.

77
Also stocket jede Hand,
78
Weil der Ordnung still Vertrauen,
79
Dieser Knoten ist zerhauen,
80
Der die Einzelnen verband.

81
Wilder Sturm durchwühlt die Stadt,
82
Wie ein Stier die heil'gen Grüfte,
83
Stößt die Steine in die Lüfte
84
Und den Künstler decken that.

85
Wie ein Licht, das nun verschwand,
86
Vor den Augen Wellen rennen,
87
Wie ein Äthermeer im Brennen,
88
So der Geist sich von euch wandt.

89
Wunderbar die todte Uhr,
90
Die Verfassung wird gezeiget,
91
Doch von fremder Macht gebeuget
92
Folgt die Stadt der fremden Spur.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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