Die Jungfrau thront auf weißen Bergen

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Ludwig Achim von Arnim: Die Jungfrau thront auf weißen Bergen Titel entspricht 1. Vers(1806)

1
Die Jungfrau thront auf weißen Bergen,
2
Die heil'ge Mystel in der Hand,
3
Die Tannen, eingekrümmt zu Zwergen,
4
Bedecken schwarz ihr ödes Land.

5
So zarte Schönheit sucht Vergnügen
6
In Einsamkeit beim Sternenkreis,
7
Und was die Götter künftig fügen,
8
Sieht sie im Spiegel auf dem Eis.

9
Darum ist sie auch weit verehret,
10
Sie ist der deutschen Fürsten Rath,
11
Und ihr Gestirne sie belehret,
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Von nie gedachter künft'ger That.

13
Und traurig sieht sie auf der Haide
14
Der Menschen Träume wunderbar,
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Der Hoffnung täuschend leere Freude,
16
Ihr ist die Zukunft offenbar.

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Ihr streift das Gold der Wolkenzüge,
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Mit kaltem Schauer um die Brust,
19
Die nordischen Gedankenflüge
20
Sind solch ein Schauer unbewußt.

21
Sie sieht das leere Spiel des Lichtes
22
Und sieht beglückt so manches Aug',
23
Die Sonne gleichen Angesichtes,
24
Geht ihr vorüber wie ein Rauch.

25
Und alles scheint bei ihr zu leben
26
In ew'ger Unzerstörbarkeit,
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Das Eingefrorne zu beleben,
28
Ist noch nicht kommen ihre Zeit.

29
Denn vieles kann sie nicht verstehen,
30
Ihr Stern ist stumm, ihr Spiegel blind,
31
Die Liebe nur kann Liebe sehen,
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Nur Lieb' die Räthselwelt ersinnt.

33
Da kommt der Frühling hergeflogen
34
In stiller Nacht mit hohem Sinn,
35
Die Sonne ist mit ihm gezogen,
36
Wohl mir, daß ich geboren bin.

37
Des Frühlings Flügel seh ich schlagen,
38
Sie reißen auf das dürre Land,
39
Hervor sich alle Keime wagen,
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Der Schnee ist auf den Berg verbannt.

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Er hat den Wanderer erhalten,
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Der in der Kälte niedersank,
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Doch flieht ihn der, läßt sich nicht halten,
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Dem Frühling klingt sein Lustgesang.

45
Der Sonne goldne Schale strömet
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Ein zwitschernd Heer von Süden aus,
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Der Frühling grün die Wälder krönet,
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Er bringt den Mädchen manchen Strauß.

49
Das Murmelthier vom Winterschlafe
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Erwacht zu einem muntern Tanz,
51
Der Mensch ist aller Wesen Affe,
52
Wie Blasen springt Gedankenglanz.

53
Er kann nichts denken, kann nichts träumen,
54
Den Frühling sieht er immer an,
55
Er will nicht gern die Zeit versäumen,
56
Und doch das Schaun nicht lassen kann.

57
Bald opfern ihm des Volkes Schaaren,
58
Ein Festtag wird die weite Welt,
59
Und keiner kommt mehr zu erfahren,
60
Was ihm die Zukunft hat bestellt.

61
Die Jungfrau sieht sich ganz verlassen,
62
Des Berges Weg bewächst mit Moos,
63
Sie glaubt den Frühling nun zu hassen,
64
Und mach die Zauberwaffen los.

65
Sie sieht das Grün am Felsenrande:
66
»er wähnt im Rausch der Herrschaft Glück,
67
Zerschmettert liegt er bald im Lande,
68
Wohin die Herrschaft trug sein Blick!«

69
Ein Panzerhemd aus Nebelgifte,
70
Die Lanze aus dem späten Reif,
71
Ihr Schild des kalten Nordwinds Düfte,
72
Ihr Ritterpferd der Vogel Greif.

73
So kommt die Zauberin gezogen,
74
O Frühling, du bist waffenlos,
75
Und unter Blumen auferzogen,
76
Die Brust dem Pfeil der Liebe bloß.

77
Die Völker eilen, ihn zu schützen,
78
Die Jungfrau hat sie bald zerstreut;
79
Nichts kann der Menschen Sorge nützen,
80
Der Frühling ist zur Flucht bereit.

81
Der Frühling trauet seinen Flügeln,
82
Er neckt die schöne Kriegerin,
83
Sie drohet, stürmt von allen Hügeln,
84
Doch immer weicher wird ihr Sinn.

85
Sie weht auf ihn des Schnees Blüthen,
86
Er schüttelt leicht die falschen ab,
87
Doch die im Frühlingsschein erglühten,
88
Die Blüthen ziehn sie mit hinab.

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Und über Felder, Wälder, Seen,
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Und immer nach dem Süden zu,
91
Weiß sie den Frühling hinzuwehen,
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Und hinter ihm ist Todtenruh.

93
Ihr Haß weiß selbst zu übersteigen
94
Die Alpen und den schnellen Rhein,
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Und schon die fremden Ströme neigen
96
Nach Süden ihren grünen Schein.

97
Und Gold-Orangen in den Zweigen,
98
Oliven in dem bleichen Laub,
99
Mit breitem Blatt die süßen Feigen,
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Der Düfte Geister-Blüthenstaub.

101
Vertreiben ihre Zaubersäfte:
102
Der Nebel steigt, der Reif zerfließt,
103
Der Nordwind giebt die wilden Kräfte
104
Dem Weine ab, der glühend fließt.

105
Verlassen von den Zauberwaffen,
106
Ihr Vogel Greif wird Nachtigall,
107
Sieht sie den Frühling muthig schaffen,
108
Die Liebe dringet durch das All.

109
Sie stehet bei dem Meere stille,
110
Wo sich die Woge donnernd bricht,
111
So wild, so stolz war einst ihr Wille,
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Bis ihr erschien des Frühlings Licht.

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Sie meint, der Tod sei ihr geschworen,
114
Als sie den Jüngling nahen sieht,
115
In seiner Schönheit ganz verloren,
116
Sie seinem Arme nicht entflieht.

117
Der Jüngling spricht: »Mit gleichen Waffen
118
Sind wir gerüstet, du wie ich,
119
Doch, unterlieg' ich deinen Waffen,
120
Ja, wahrlich, dann bestrafe mich.«

121
Die Jungfrau spricht: »Sind unsre Waffen
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Auch nicht in diesem Streite gleich,
123
So wird mein Muth doch Waffen schaffen,
124
Er machet unsre Waffen gleich.«

125
Die Scham giebt ihr die letzten Kräfte,
126
Doch spielend endet er den Streit,
127
Denn vielgeübt im Kriegsgeschäfte,
128
Ist jede Kunst für ihn bereit.

129
Bald liegt sie in dem weichen Moose,
130
Und fühlet nicht und athmet nicht,
131
Aus ihrem Blute eine Rose
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Beschattet sie mit rothem Licht.

133
Der Frühling ist ihr Sieger worden,
134
Beginnt denn Liebe stets im Streit?
135
Sucht Frühling noch die Lieb' im Norden?
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Dem Frühling nach zog Liebe weit.

137
So sind die Römer hingezogen
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In's wilde, alte deutsche Land,
139
Die Deutschen haben sie erzogen,
140
Bis sie von ihnen sind verbannt.

141
So sind dann Völker hingezogen
142
Vom deutschen Heerd zum Römerland,
143
Dem Frühling sind sie nachgezogen,
144
Den noch die Zaubermacht verbannt.

145
Als Sieger sind sie eingezogen,
146
Der Frühling nahm die Waffen ab,
147
Hat dich der Frühling auch betrogen,
148
Die Rose zeigt der Liebe Grab.

149
Und diese Rose dir zu pflücken,
150
Zieh ich in's warme Römerland,
151
Kann dich mein Lied auch nicht entzücken,
152
So sieh des Frühlings Vaterland.

153
Und das Eis auf allen Höhn,
154
Und das Eis im fernen Norden,
155
Wo der Frühling ward gesehn,
156
Ist zur Lust geschmolzen worden.

157
Und die Drachen sind verbannt,
158
Von den Bergen klingen Feste,
159
Dumpfe Wälder sind verbrannt,
160
Alle sind des Himmels Gäste.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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