Ost und West, die Zwillingssöhne

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Ludwig Achim von Arnim: Ost und West, die Zwillingssöhne Titel entspricht 1. Vers(1806)

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Ost und West, die Zwillingssöhne
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Buhlten um ein Jungfräulein,
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Ähnlich klangen ihre Töne
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Vor der Schönen Fensterlein.

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Luft hieß ihre leichte Schöne,
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Federn trug sie auf dem Haupt,
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Daß sie ew'ge Myrthe kröne,
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Ist ihr Fenster myrthumlaubt.

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Lange steht sie so im Glanze,
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Ihr sind beide einerlei,
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Sie verwechselt beid' im Tanze,
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Also ähnlich sind die zwei.

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Und so weit wird es noch kommen,
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Daß sie stiftet Bruderzwist;
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Ihren Zweifeln zu entkommen,
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Denket sie auf eine List.

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Einen Mann, den muß ich haben,
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Denkt das arme Jungferlein,
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Der mir kann das Herz erlaben,
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Denn ich bin nicht gern allein.

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Zweifelnd denkt sie an die Künste,
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Die ihr Mutter
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Macht am Freitag Weihrauchdünste,
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Kocht den Zaubertrank am Heerd.

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Deckt dann vor dem Bett ein Tischlein,
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Setzt zwei blanke Teller drauf,
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Und zwei Gläser und zwei Fischlein,
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Gleich als käm' ein Gast in's Haus.

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»wer dann zu dir könnt von allen,
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Hat die Mutter ihr gesagt,
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Ist der Stärkste im Gefallen,
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Und der sei dir zugesagt.«

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»der sei deiner Liebe Meister,
34
Mächtig deiner Schönheit Kraft,
35
Denn es wollen stets die Geister,
36
Daß das Mächtigste sich schafft.«

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Es ist Nacht, die beiden Lauten
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Klingen vor dem Fensterlein,
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Und dann schaut sie ihren Trauten;
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Schweigend tritt er zu ihr ein.

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Ob es Ost, ob's West gewesen,
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Denket sie vergebens nun.
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Gleicher waren nie zwei Wesen,
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Dieser Zweifel will nicht ruhn!

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Spricht er nicht, er kann doch sehen,
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Wie sie ihn zum Tische winkt,
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Und sie fühlt des Athems Wehen,
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Wie er aus dem Becher trinkt.

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Wie er's Tüchlein wohlgefalten
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Nimmt vom blanken Teller ab,
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Läßt die Speisen doch erkalten,
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Und verschmähet ihre Gab.

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Dennoch muß sie nun empfangen,
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Eh er sie in's Bette führt,
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Eine Gabe ohn' Verlangen,
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Die als Zeichen ihr gebührt.

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Abgebrannt sind beide Lichter,
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Und der Freund sitzt noch bei ihr,
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Macht so drohende Gesichter,
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Daß sie flieht zur Kammerthür.

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Er das Messer aus dem Gürtel
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Ziehet und ganz stille sitzt,
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Und der Mond aus seinem Viertel
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Schauet, wie es herrlich blitzt.

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Nein, sie wagt es nicht zu nehmen,
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Wie es vorgeschrieben ist,
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Sei es Schrecken, sei es Schämen,
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Sie verwünschet jetzt die List.

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Sie entschlüpfet in die Kammer.
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Er das Messer wirft nach ihr;
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Als er flieht mit schwerem Jammer,
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Steckt das Messer in der Thür.

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Morgens kommen beide Brüder
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Sie zu grüßen, doch dem West
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Fehlt das Messer, seine Lieder
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Klagen ein gestörtes Fest.

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Das ihm Traume ihn gequälet
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Und vergangen ist zu nichts,
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Weil sich alles hat verfehlet
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In dem Schrecken des Gesichts.

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Tröstend giebt sie ihm die Hände,
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Küsset ihm die müde Brust,
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Und es drehen sich die Wände
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Bald in hoher Hochzeitlust.

85
Doch kein Kind will ihn erfreuen
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Und er wünschet es so sehr,
87
Bis sie sich mit Zaubereien
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Setzt in schrecklichen Verkehr.

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Könnte sie's voraus nur wissen,
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In dem Kindbett muß sie büßen
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Ihres Zaubers schwere Sünd.

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In ein Tuch das Kind zu schlagen,
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Tritt der Mann zum Schrank der Frau,
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Hat ihn eilig eingeschlagen,
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Und es liegt da viel zur Schau.

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Alles was sie ihm verborgen,
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Doch er schauet nicht danach,
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Reisset nur in großen Sorgen
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Weiche Tücher aus dem Fach;

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Sieht das Messer draus entfallen,
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Das sie heimlich drin bewahrt,
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Das in jener Nacht voll Qualen
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Er verlor durch Zaubers Art.

104
Jener Traum, der ihm vergessen,
105
Denn der Zauber ist vorbei,
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Tritt in's Leben; wie besessen
107
Fühlt er sich durch Zauberei;

108
Alles glaubt er schon erlebet,
109
Was ihm jetzo erst geschieht,
110
Und die Qual ihn neu umschwebet,
111
Die ihn jene Nacht durchglüht.

112
»also du bist es gewesen,
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Die mich jene Nacht geplagt,
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Daß ich nie vom Schreck genesen,
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O, das sei hier Gott geklagt.«

116
»hast du mich voraus gequälet,
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Lang im schweren Liebesdienst,
118
Straf ich dich, nun wir vermählet,
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Und ich zahl' wie du's verdienst.«

120
»hab' ich auch nicht wollen speisen
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Von der Fische Zauberei,
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Ist gehärtet doch dies Eisen,
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In dem Trank und macht mich frei.«

124
Ihre Brust will er durchstechen,
125
Doch das Kindlein schreit helllaut,
126
Und die kleinen Augen sprechen,
127
Haben sich rings umgeschaut.

128
Blinde Wuth ist ihm verschwunden,
129
Aber nicht der harte Zorn,
130
Als des Herzens Riß verwunden,
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Schmerzt im Fleische ihm der Dorn.

132
Wenn sie weint bei seinen Schlägen,
133
Zeigt er ihr das Messer nur,
134
Spricht dann: Ohne Lieb' kein Segen,
135
Und du bist die ärgste ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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