Der Knabe

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Ludwig Achim von Arnim: Der Knabe (1806)

1
Es sonnte sich ein kranker Knabe
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Auf seiner armen Mutter Gruft,
3
Da fasset ihn der Ahndung Gabe,
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Er wittert einer Blume Duft,
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Die ferne schwebet in dem Meere,
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Weit von dem Ende aller Welt,
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In die aus hoher lust'ger Leere
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Die Sonne wie ein Same fällt.

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Es glüht auf seiner blassen Wange
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Nun eine Röthe wunderbar,
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Es schwebt sein Ohr in tiefem Klange.
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Es wird sein Auge ihm so klar,
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Es glänzt auf seinem stillen Herzen
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Ein Regenbogen wie ein Strauß,
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Der hat verkündet seine Schmerzen
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Hoch in des Himmels sel'gem Haus.

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Dem Himmel hat er ihn verbunden,
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Zeigt ihm das offne Himmelsthor,
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Er schauet nun in Schmerzensstunden,
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Wo Lust ihm nie gezeigt zuvor,
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Wie kann er nun die Welt verschmerzen
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Ihm ist verschwunden aller Graus,
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Sein Herz, gebrochen einst in Schmerzen,
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Sieht froh die Witterung voraus.

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Er sieht voraus die Liebestage,
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Wo Hand in Hand sich gern ergeht,
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Manch Mädchen zeigt die Hand zur Frage,
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Weil Er die Linien jetzt versteht;
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Des Knaben Ruf ist weit erschollen,
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Denn jeder frägt nach Witterung,
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Die Alten, weil sie ernten wollen,
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Und weil sich lieben, die noch jung.

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Jetzt hat der Schlaf ihn fest umfangen,
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Da nimmt die Mutter seine Hand,
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Da sieht er all, was ihm vergangen,
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Und keine Zukunft er drin fand:
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O Liebe, wo du gegenwärtig,
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Da ist das eigne Leben aus,
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Die Seele ist dann reisefertig,
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Du trägst sie in ein andres Haus.

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»o Muttererde laß dich grüßen,
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Du trugst mich treu in stiller Qual,
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Laß deine kühlen Lippen küssen,
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Hast andre Kinder ohne Zahl,
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Doch ich gehör dem Vaterlande,
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Dem Vater in dem Himmelreich,
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Es lösen sich die alten Bande,
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Zum letztenmal die Hand mir reich.«

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Er kann sich selber nicht begreifen,
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Es wird ihm wohl, so auf einmal,
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Da sieht er dann die Engel schweifen
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Auf seines Thränenbogens Strahl,
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Wie sie die bunten Flügel schlagen,
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Daß jede Farbe klingt im Glanz,
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Er fühlt von ihnen sich getragen,
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Den Fuß bewegt in ihrem Tanz.

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Was ihm das Herz sonst abgestoßen,
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Das singt er jetzt mit kaltem Blut,
59
Sein Blut hat sich in Lieb' ergossen,
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Und keine Furcht beschränkt den Muth,
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Wo sich das Auge sonst geschlossen
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Da hebt es nun den Blick von hier,
63
Er ruft: Der Himmel ist erschlossen,
64
Ich fürchte mich nicht mehr vor mir.

65
Da ruft er wonnig allen Lieben:
66
»es kommt ein Tag wie's keinen gab,
67
Die Ernte dürft ihr nicht verschieben,
68
Die Liebe greift zum Wanderstab!«
69
Er ruft: »Brich an du Tag der Sage,
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Der ew'ges Wetter mir verspricht!«
71
Sein Herz schläft ein – am jüngsten Tage
72
Erwacht es rein zum Weltgericht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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