Der Pfalzgraf von dem Rheine

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Ludwig Achim von Arnim: Der Pfalzgraf von dem Rheine Titel entspricht 1. Vers(1806)

1
Der Pfalzgraf von dem Rheine
2
Saß in dem Abendscheine,
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Der Berg und Thal umfloß,
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Am Heidelberger Schloß,
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Auf einer hohen Platte
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Von Gallerien umringt.
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Da sah der Lebenssatte,
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So weit sein Auge dringt,
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Des Glückes Purpurthau,
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Der Rhein erblinket blau,
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Der Neckar kommt gewunden,
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Rechts, links von Lust gebunden.

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Tief unter Wallnußbäumen
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Des Alten Blicke säumen
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Bei einem weißen Haus,
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Wo Klara schaut heraus,
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Die seinen Leib erfrischet,
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Daß er den Geist erträgt,
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Und sein Getränk ihm mischet,
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Das ihm den Frohnsinn regt,
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Wenn er nach Herrscherlast
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Sucht Abends frohe Rast,
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Jetzt sieht er sie da spinnen,
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Auf neu Liebkosen sinnen.

25
Dann sieht er unten sitzen,
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Bei Wein und guten Witzen
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Und bei dem lieben Weib,
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Die frommen Arbeitsleut,
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Doch wenn sie wollen singen,
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Da kommt ein groß Geschrei,
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Daß alle Ohren klingen,
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Dort von der Sakristei,
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Der Theologen Schaar
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Drein sitzet schon ein Jahr,
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Die pressen ihren Glauben
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Aus den unreifen Trauben.

37
Der Pfalzgraf die Doktoren
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Läßt kommen, die wie Thoren
39
Voll Bosheit sind für Gott,
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Sich hassen auf den Tod:
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»heut müßt ihr euch vereinen,
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Weil still die Welt heut ruht,
43
Wie Gold die Berge scheinen,
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Ihr Schatten frischen thut,
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Der Strom rauscht hier noch toll,
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Wo er recht tragen soll,
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Muß er still eben fließen,
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Da werden Schiffer grüßen.«

49
Die Calvinisten rufen:
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»die Berge sind nur Stufen
51
Zum reinen Himmelssaal,
52
Sein Bild ist da zumal,
53
Kein
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Das hält Vernunft gar enge;
55
Vernunft sei unser Ruhm,
56
Bestimmung unser Gott,
57
Kein Blut hat er zum Spott,
58
Trinkt ihr's im Abendmahle,
59
So klebt ihr an der Schale.«

60
Die Lutheraner schreien:
61
»ihr wollt uns hier entweihen
62
Die große Gottes Welt
63
Mit eurer Herzenskält,
64
Wozu hat Gott geschaffen
65
Der grünen Wälder Pracht,
66
Der Wolken helle Waffen,
67
Und ihrer Blitze Macht,
68
Wollt ihr nicht sehn um euch,
69
Doch wir verstehen euch gleich;
70
Denn wir verstehn die Welten,
71
Ihr könnet sie nur schelten.«

72
»das Wort ist Fleisch geworden,
73
Wer will das Wort ermorden?
74
Der Geist ist in dem Blut,
75
Es treibt in Gottes Fluth!«
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Da schrein die Calvinisten:
77
»ihr seid ein Pantheist,
78
Wir sind allein nur Christen,
79
Wir kennen eure List!« –
80
Der Lutheraner tobt
81
Und Gott im Himmel lobt,
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Daß er nicht blos im Geiste,
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Daß Wahrheit hier das Meiste.

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Den Graf bewacht ein Leue
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Der meint bei dem Geschreie
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Den Herren in Gefahr,
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Sprengt seine Kett fürwahr
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Und springt zu seinem Herren,
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Sich auf die Schulter legt,
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Den Rachen thut aufsperren,
91
Die Tatze drohend trägt,
92
Die Doktors werden still:
93
»der euch vereinen will,
94
Das ist des Papstes Schrecken,
95
Der möcht' euch beide strecken.«

96
Der Pfalzgraf sagt mit Lachen:
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»so stehn nun eure Sachen,
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Wer hält nun Stich im Tod,
99
Doch streitet ihr ohn' Noth,
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Nun mag der Streit nur währen,
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Der Leue sieht euch zu,
102
Wollt ihr ganz ruhig lehren
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So läßt er euch in Ruh,
104
Ich bind' ihn wieder an,
105
Was ich sonst nicht mehr kann;
106
Der weltlich' Arm soll streiten,
107
Der Geist in Lieb' fortschreiten.«

108
»wenn einst dies Schloß verfallen,
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Aus Ritzen Bäumlein wallen
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Statt Fähnlein auf dem Thurm,
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Als einz'ge Wach' im Sturm,
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Manch steinern Bild der Ahnen
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Nur schwacher Epheu hält;
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Den Weg sich Wandrer bahnen
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Zu schaun die öde Welt,
116
Mit Graun durch Säle ziehn,
117
Wo wilde Blumen blühn;
118
Seht wie die Berge grauen,
119
Ich mein' das all zu schauen.«

120
»seh mein Geschlecht verdränget,
121
Die Löwen all' versprenget,
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Die in dem Graben brülln,
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Das Faß will sich nicht fülln,
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Die heil'ge Lind gehauen
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Am Wolfsbrunn und kein Tanz
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Find' ich mehr anzuschauen
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Bei der Forellen Glanz,
128
Der Glaub' wird überall
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Ein später Wiederhall
130
Vom Spruch, der lang' vergessen:
131
So wird er neu besessen.«

132
»so wird in allem Trauern,
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Was Liebe schuf doch dauern,
134
Und aller euer Haß
135
Ist dann der Leute Spaß,
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Drum wollt ihr ewig leben,
137
Ihr Herren, nun wohlan,
138
So müsset ihr aufgeben
139
Des blut'gen Hasses Bann,
140
Drauf gebt euch Hand und Mund
141
In dieser ernsten Stund,
142
Auf, sondert fromm die Lehren,
143
Ihr sollt euch lieben, ehren.«

144
Die Doktors gar in Nöthen
145
Sich gern die Hände böten,
146
Da legt der Graf auf's neu
147
An seine Kett den Leu:
148
Doch wer kann Teufel ketten,
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Kaum waren sie bergab,
150
Sich von dem Schwert zu retten,
151
Da schrie – Dickkopf – ein Rab,
152
Den Luthrischen zum Trutz,
153
Aus war der ganze Nutz,
154
Auf zweie thät's nur wirken,
155
Die wurden gar zu Türken.

156
Nur Klara weiß zu lohnen
157
Des Grafen liebreich Schonen,
158
Sie schmückt der Jungfraun Schaar
159
Mit Blumen in dem Haar,
160
Mit Blumen um die Leiber,
161
Mit Blumen um den Hals,
162
Und drei der schönsten Weiber
163
Hochfroh des Stimmenschalls
164
Zum Schlosse gehn empor
165
Mit diesem frohen Chor,
166
Beim letzten Sonnenscheine,
167
Sie singen ihm so feine:
168
Die Neigung nur kann freie Mädchen binden
169
Zu einem Kranz sich tanzend zu umwinden,
170
Daß Arm und Fuß zugleich gezogen
171
In ihrem sanften Bogen
172
Den lieben Fürsten leicht umringen,
173
Ein Loblied ihm zu singen.

174
Ehrwürd'ger Greis, du suchtest auf die Gassen,
175
Daß unsre Noth dich bittend konnt' erfassen,
176
Die Noth hast du geendet weise,
177
Nun hör' auf frohe Weise,
178
Tritt mit in unsern frohen Reihen,
179
Beglückend ihn zu weihen.

180
Wir preisen hoch dein Silberhaar in Locken,
181
Dein helles Aug' macht unsre Augen trocken,
182
Dein Lächeln ist der schönste Segen,
183
Die Furcht vor dir zu legen,
184
So mögen wir in liebendem Vertrauen
185
Dich alle gern anschauen.

186
Heil dir, du hast des Tages Müh getragen,
187
Mit Geist und Muth den Feind geschlagen,
188
Mit Kunst geschmückt der Kirche Hallen,
189
Du bist des Volkes Wohlgefallen,
190
Du bist zu unserm Glück geboren,
191
Dein Glück hat uns erkoren.

192
Heil uns! Laß dir von dreien edlen Schönen
193
Die lichte Stirne rosig krönen,
194
Und lüfte dich im Abendtanze,
195
Im letzten Sonnenglanze,
196
Du bist nicht alt, du wirst verjünget,
197
Wenn dich der Kranz umschlinget.

198
Gleich schön sind wir, die schönsten drei von allen,
199
Gleich Seiten von Krystallen,
200
So sind wir gleich und fest verbunden
201
Zu deinen frohen Stunden,
202
So gleich sind wir, dir eifrig zu gefallen,
203
Des Volkes Wohlgefallen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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