Die Einsegnung

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Ludwig Achim von Arnim: Die Einsegnung (1806)

1
Leise tret ich in die heil'gen Hallen,
2
Kleine Kinder stehen vor der Thür,
3
Wähnen, daß ihr Beten nicht gefalle,
4
Wissen noch kein richtig Wort dafür.

5
Lasset doch die Kindlein zu mir kommen,
6
Wehret ihnen nicht! geschrieben steht
7
Auf der Pforte ihnen zum Willkommen,
8
Wer nicht lesen kann, es nicht versteht.

9
Wahrlich, wahrlich, das sei euch gesaget,
10
Wer nicht ist wie ihr, der tret' nicht ein,
11
Wo bewundrungsvoll so kühl es taget
12
Durch der Fenster bilderreichen Schein.

13
Wie die Kränze mit dem goldnen Schimmer,
14
Wo die Gitterstühle für so manch Geschlecht,
15
Gräber zahllos, ordnungslos wie Trümmer,
16
Und die Orgel wandelnd rein und recht.

17
Nur in diesen ernsten, sanften Tönen
18
Wandelt noch von Gott ein Ebenbild,
19
Nur dein Lispeln kann, was lebt, versöhnen,
20
Und dein Ernst ist dieser Gräber Schild.

21
Alles, was hier dauret, ist vergangen,
22
Die da draußen standen jugendfromm,
23
Gehen nicht mehr ein mit dem Verlangen,
24
Weil der Flamme Funken hier entglomm.

25
Seht sie heilig an, ihr frommen Bilder,
26
Sie verstehn nicht eurer Sehnsucht Blick,
27
Und sie reißen euch in Stücken wilder,
28
Denn ihr steht im Wege ihrem Glück.

29
Schlägt ein Würgeengel die Gebornen,
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Rieselt auf den Saaten rothes Blut,
31
Dann so zeigen sich auch die Erkornen,
32
Und ich hab sie zu erwarten Muth.

33
Milde hat die Orgel euch gemahnet,
34
Und ich finde doch die Kirche leer,
35
Wenn ein hoher Traum darin geahndet,
36
Wenn ein Geist darin gebannet wär.

37
Nein, wie sollt' ich das alleine hören,
38
Sollt' ich sein alleine so entzückt,
39
Der die Falschen alle kann bekehren
40
Und die Wahren allesammt beglückt.

41
Nein, gelobt der Herr, die Frommen kommen,
42
Mädchenschaaren paarweis, schüchtern, bleich,
43
Wollen sein zur Kirche aufgenommen,
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Sind am Lebensbaum die frischen Zweig.

45
Wie der Engel überm Taufstein bebet,
46
Wie er freudig seine Hand bewegt,
47
Und die heil'ge, lichte Taube schwebet,
48
Über diese Schaar im Kreis sich trägt.

49
Und von allen diesen glatten Stirnen,
50
Ist nur eine, wo ein Flämmlein brennt,
51
Schön Gestade, laß die Winde stürmen,
52
Der erfahrne Schiffer dich erkennt.

53
Hülflos war sie einst wie andre Kinder,
54
Eh' das heil'ge Wasser sie getauft,
55
Doch das Feuer taufet den geschwinder,
56
Der's mit seiner ganzen Seele kauft.

57
Ernst spricht jetzt der Pred'ger in der Mitte,
58
Ältern, Diener, Freunde weinen fern,
59
Beten, daß der Herr erhör' die Bitte,
60
Säh' in ihrer Prüfungsstund' sie gern.

61
Alle sagen an die Glaubensworte,
62
Geben nach der Vorschrift hin die Hand,
63
Ach wo bleibt die Eine und ich warte,
64
Ach ich seh im öden Meere Land.

65
Eine, jene, könnt' ich sie nur nennen,
66
Ist es jener reine Orgelgeist,
67
Nicht in Schönheit will die Heil'ge brennen,
68
Ihre Locken sind verstecket meist.

69
Eine Trauerahndung in den Augen,
70
Um die Lippen sanfter Duldersinn,
71
Doch zum Sprechen nicht die Lippen taugen,
72
Sie erröthet schwebend bis zum Kinn.

73
Beide Hände legt sie vor die Stirne,
74
Sinket vor dem Pred'ger sprachlos hin,
75
Mitleid lächelt manche kluge Dirne,
76
Doch die Taube schwebet in dein Sinn.

77
Über ihr mit gleichen Flügeln schwebet,
78
Hebt die Nacht von ihrem Auge weg,
79
Daß sie auch für alle heilig lebet,
80
Nimmt sie Schwindel von dem Himmelssteg.

81
Denn sie sah erhoben sich zum Blauen
82
Und den Pred'ger sah sie unter sich,
83
Beide Hände reicht sie mit Vertrauen,
84
Eine ihm, die andre fasse ich.

85
Laß du heil'ger Geist sie nimmer sinken,
86
O so bleibt die Hand auch immer mein,
87
Hohes Kind, du lallest, kannst nur winken,
88
Mache uns von allen Sünden rein.

89
Wie, du hörst nicht in den kühlen Fluthen,
90
Aus der heißen Welt hinaufgeweht,
91
Über dir die ew'gen Morgengluthen
92
Thaues Perlen auf dem Busen seht.

93
Hör' ich doch den Geist noch wieder tönen,
94
In der Orgel ernstem Trauerspiel,
95
Was die Welt im Leichtsinn kann versöhnen,
96
Ist ein Tod in seligem Gefühl.

97
Nein, du lebst noch, aber diese Schrecken
98
Haben ausgetilgt die irdsche Lieb',
99
Keine Rosen können Sehnsucht wecken,
100
Gegen Himmelsrosen sind sie trüb'.

101
O so sei dein Leben ein Verkünden,
102
Und mein Leben meine Demuth sei,
103
Liebe kann uns nimmermehr verbinden,
104
Höh're Liebe läßt dich nimmer frei.

105
Sei gegrüßt wie jene Gnadenbilder,
106
Aus der Vorzeit ihr verlassen steht,
107
Täglich seht ihr gnadenreich und milder,
108
Wenn auch keiner hier euch mehr versteht.

109
Sieh, Maria, wer den Blick empfindet,
110
Den du nieder auf die Welt gesandt,
111
Als der Engel sich dir hat verkündet,
112
Hat dich auch in seiner Höh' erkannt.

113
Nicht um Dienste, nicht um Wallfahrtgaben,
114
Nein, dem Treuen zeigtest du den Sinn,
115
Während auf dem Haupt dir nisten Raben,
116
Überm Herzen hängt ihr Netz die Spinn.

117
Alle Stern' des heiligen Gewandes
118
Sind erloschen vor dem höhern Sohn,
119
Dessen Bild noch heut das Glück des Landes,
120
Sieht sie ihn am Kreuz im höchsten Thron.

121
Ja auf Erden, was aus Liebe kommen,
122
Wird in Leiden sich allein bewußt,
123
Wie ich in der Kirche aufgenommen,
124
Fühlt ich nichts von all der hohen Lust.

125
Trostlos Klügeln war in aller Herzen,
126
Und ein Streiten, was es doch bedeut,
127
Was dreieinig, was das Blut der Schmerzen,
128
Was das Brod des Lebens uns bereit.

129
Alle Stimmen sinken, wenn sie lange,
130
Sangen so alleine in der Ruh;
131
Doch die Orgel hält sie fest im Klange,
132
Und die Noth läßt kein Versinken zu.

133
Harte Zeit nur kann die Kirche füllen,
134
Die verödet stand nach leerem Streit,
135
Und ich ahnd' es gläubig hier im Stillen,
136
Dich und mich trennt heil'gend diese Zeit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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