Ganz in allem gegenwärtig

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Ludwig Achim von Arnim: Ganz in allem gegenwärtig Titel entspricht 1. Vers(1807)

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Ganz in allem gegenwärtig,
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Sei es Ernst und sei es Spiel,
3
Ist
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Der ihr zeigt des Strebens Ziel:
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Gestern noch in Mädchenspielen
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Gleitet Sie auf Eis mit Lust;
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Frühling kommt, Sie lernet fühlen,
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Fromme Milch schwellt Ihre Brust.

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Sohn, Sie folget deinen Winken,
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Du der Geister Auge bist,
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Lasse nicht dein Auge sinken,
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Irrend Sie dich bald vermißt;
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Sprachrohr aller guten Geister,
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Sei bereit und nicht zerstreut,
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Wenn der ew'ge Himmelsmeister
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Dich mit mächt'gem Wort erfreut.

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Willst du was, ergieb dein Leben,
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Es mit ganzer Seele treib',
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Vieles wird sich dir ergeben,
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Vieles wird ein Zeitvertreib.
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Doch das meiste wird dich fliehen,
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Wo der Schein dich schnell besiegt,
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Vor des Geistes Vollerglühen
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Falsches Gold wie Rauch verfliegt.

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Eh' du kannst die Welt bezwingen,
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Bilde dich mit Fleiß an ihr,
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Und gar stille Freuden dringen
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Aus dem frommen Dienst zu dir,
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Wer zu dienen erst verstanden,
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Wird zum Herrschen dann geschickt,
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Nur aus vieler Formen Banden
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Steigt des Gottes Bild geglückt.

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Weil er alle Welt muß fühlen,
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Reift der höh're Mensch erst spät,
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Stürme grimmig in ihm wühlen,
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Ihn begeistert, was da weht.
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Bis er nach dem langen Stimmen
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Das Bestimmte trifft und kennt,
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In der Welt verschiednen Stimmen
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Dann vereinet, was getrennt.

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Deine Stimme in den Chören
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Klingt, obgleich es keiner weiß,
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Nur dich opfern, ihn zu ehren,
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Kannst du diesem höhern Kreis,
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Und sein Geist wird ohn' dein Wissen
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Dann zu lenken dich verstehn,
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Denn er ist wie das Gewissen,
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Läßt sich auch nur strafend sehn.

49
Das Bestimmte muß er ehren,
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Umriß bleibt des Schicksals Sinn,
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Muß das Unbestimmte stören,
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Denn der Ärger bildet drin;
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Schonen darf er nicht die Kranken,
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Doch Erinnrung macht ihn zart,
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Wenn die Kräfte sich auszanken,
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Art läßt endlich nicht von Art.

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Liebe dich nicht im Verziehen,
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Liebe dich in harter Streng',
59
Harter Stoff kann dauernd glühen,
60
Weicher Sinn beschließ uns eng:
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Weicher Stoff kann sich verwandeln,
62
Harter Stoff giebt die Gestalt,

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Denke aus, was dich erschrecket,
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Also unterwirfst du's dir,
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Und der böse Geist, der necket,
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Wird zum lust'gen Diener schier.
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Sei im Geiste dir getreuer
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Und der Geist läßt dich allein,
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Ja er ist vor dir noch scheuer,
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Als du magst gewesen sein.

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Suche nie dich zu betäuben,
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Horche jedem Herzensschlag,
73
Denn die Mühle mag wohl stäuben,
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Doch zu treiben sie vermag;
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Und die Räder gehn zu hörbar,
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Ehe noch der jüngste Tag
77
Kommt Gedächtniß unzerstörbar
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Aus dem Rausche dumpf und wach.

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In dem Lernen sei ein Schaffen,
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In der That für andre Lehr,
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Stets dein Urtheil unter Waffen,
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Und Gefühl zur Gegenwehr.
83
Muß die Sonn' sich ewig drehen,
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Glück ist nicht in träger Ruh,
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Denn die Füße sind zum Gehen,
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Geh auf eignen Füßen zu.

87
Scheint es auch, das Hohe falle,
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Scheint es doch von Sternen auch,
89
Doch die Sterne wieder wallen
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Ruhig nach dem alten Brauch,
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Schau ihr Fehlen nicht im Ärger,
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Nein, versteh ein göttlich Herz,
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Unter Wolken sie verbergen
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Ihren Freunden nur den Schmerz.

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Fühle Trost in jungen Jahren,
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An dem Gott im Menschenkleid,
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Manche sich durch Schrift bewahren,
98
Einer lebt in unsrer Zeit:
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Will er mild den Arm dir reichen,
100
Drück ihn nicht wie andre Freund',
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Glück, das paart sich nur in Gleichen,

102
Und erscheint als Gott dir Goethe
103
Auf der Menschheit höherm Thron,
104
O so glaub der Abendröthe,
105
Werd' nicht roth vor ihm, mein Sohn;
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Rüstig dann mit tücht'gen Händen,
107
Wirst du frisch zum eignen Werk,

108
Überlaß dich deinem Gotte,
109
Fühle was du selber bist,
110
Was noch taugt, das trotzt dem Spotte,
111
Roheit schlecht bestanden ist:
112
Laß dich gern empfindsam schelten,
113
Sei es wie die Weltgeschicht',
114
Tief empfindsam sind die Helden,
115
Nur der Sklav empfindet's nicht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Ludwig Achim von Arnim
(17811831)

* 26.01.1781 in Berlin, † 21.01.1831 in Wiepersdorf

männlich, geb. Arnim

deutscher Schriftsteller und wichtiger Vertreter der Heidelberger Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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