Das Gewitter

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Heinrich Christian Boie: Das Gewitter (1775)

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»chloe, siehst du nicht voll Grausen
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Dort die Donnerwolken ziehn?
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Hörst du nicht die Winde brausen?
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Laß, Geliebte, laß uns fliehn.
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Wo das breite Dach der Buchen
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Eine Zuflucht uns verspricht,
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Eile sie mit mir zu suchen!« –
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Chloe schwieg und eilte nicht.

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Eine Hirtin, die die Liebe,
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Sich und ihren Schäfer kennt,
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Gerne treu der Tugend bliebe
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Und doch heimlich für ihn brennt,
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Siehet überall Gefahren,
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Trauet nie des Schäfers Wort.
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Wenn hier Blitze schrecklich waren,
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War es ihr Alexis dort.

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Aber schwarz und schwärzer immer
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Zieht das Wetter sich herauf.
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Alles ist ein falber Schimmer,
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Lange Donner folgen drauf.
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Zweifelnd noch in dem Entschluße
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Geht sie, bleibt sie wieder stehn:
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Furcht heißt sie mit einem Fuße,
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Liebe mit dem andern gehn.

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Jetzo schon auf halbem Wege
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Hält sie plötzlich wieder ein.
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Regen, Sturm und Donnerschläge
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Treiben sie zuletzt hinein.
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Lachend sieht sie Amor eilen
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Und sein Blick begleitet sie.
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Man entgeht des Blitzes Pfeilen,
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Aber Amors Pfeilen nie.

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Endlich bei des Mondes Scheine
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Kehrte mit verstörtem Blick,
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Chloe langsam aus dem Haine
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An Alexis Arm zurück.
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Nachtigallen sangen Lieder,
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Duftend lag die Flur umher,
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Ruhig war der Himmel wieder,
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Nur ihr Herz war es nicht mehr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Heinrich Christian Boie
(17441806)

* 19.07.1744 in Meldorf, † 03.03.1806 in Meldorf

männlich, geb. Boie

deutscher Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

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