An den Abend

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Heinrich Christian Boie: An den Abend (1764)

1
Der du dem hingesunknen Volke,
2
Das laut dir rufet, dich versteckst,
3
Und noch mit einer Azurwolke
4
Dich vor dem Blick des Tages deckst;

5
Komm, Hesperus, aetherisch milde,
6
Komm, Götterkind auf diese Höhn,
7
Komm auf die lechzenden Gefilde,
8
Die deinem Gruß entgegen sehn!

9
Matt liegen sie! des Landmanns rege
10
Tonvolle Freude hemmt ein Ach,
11
Die Blumen welken hin und träge
12
In dürren Ufern schleicht der Bach.

13
Ohnmächtig flüstert durch die Aeste
14
Ein Wind, von schwülen Düften schwer. –
15
Was zaudert ihr? Fliegt, fliegt, ihr Weste,
16
Und traget meinen Liebling her!

17
Triumph! Sie haben ihn gefunden!
18
O seht ihn! welch ein göttlich Bild!
19
Mit Ros' und Myrte rund umwunden
20
Und ganz in Wohlgeruch gehüllt.

21
Von Zephyretten hergetragen,
22
Die schon von seiner Wonne glühn,
23
Nachläßig, langsam schwimmt sein Wagen
24
Durch den zerrißnen Aether hin.

25
Im heitern drängenden Gewimmel,
26
Begleitet von der Scherze Chor,
27
Fliegt lächelnd durch die stillen Himmel
28
Die Freude seinem Wagen vor,

29
Und senkt, gegrüßt durch frohe Lieder,
30
Noch ehe sie sein Fuß betritt,
31
Sich segnend auf die Flur hernieder
32
Und singt in ihre Chöre mit.

33
O! welche Ambradüfte wallen
34
Von jedem Anger zu dir auf!
35
Herabgefleht, erseufzt von allen,
36
Beschleunige den trägen Lauf!

37
Antwortend klopfet dir in Schlägen
38
Des Mädchens und des Jünglings Brust
39
Dir eilet Mann und Greis entgegen,
40
Dir, Freund der Liebe, Freund der Lust!

41
Zu dir schwingt sich in Lobgesängen
42
Der Vögel lautes Volk empor.
43
Wie süßgemischte Töne drängen
44
Sich schmeichelnd in mein horchend Ohr!

45
Dir schlägt der Wachtel helle Kehle,
46
Die Lerche die sich früh erhob.
47
Die klangenvolle Philomele,
48
Die holde Amsel tönt dein Lob!

49
Welch ein Concert! Die kleine Grille
50
Mischt leisezirpend auch sich ein,
51
Und von dem fröhlichen Gebrülle
52
Des Viehes bebt der nahe Hayn.

53
Wer wird hier fühllos nicht empfinden?
54
Die ganze Flur wird ein Gesang;
55
Er tönt von Bergen, tönt von Gründen;
56
Der Nachhall wiederholt den Klang.

57
Und zornig dich zu sehn entrücket
58
Die Sonne deinem Auge sich;
59
Nur durch ein dünnes Wölkchen blicket
60
Sie schamroth einmal noch auf dich.

61
Wie schön, wie majestätisch schwebet
62
Ihr glühend Antlitz auf der Fluth!
63
O! welch ein goldner Schimmer bebet
64
In Purpurwolken! welche Glut!

65
Sie sinkt! sie sinkt! und läßt umwunden
66
Von dir die Erde, die vergißt
67
Daß sie des Tages Last empfunden
68
Und deinen milden Scepter küsst.

69
Um ihre Stirne frische Kränze
70
Und sanft geschlungen Hand in Hand,
71
Versuchen Hirten ihre Tänze
72
Und singen den, der sie verband.

73
Von deinem holden Einfluß trunken
74
Fühlt sich der Nymphen lose Schaar,
75
Und an des Freundes Brust gesunken,
76
Kränzt jene dort sein blondes Haar.

77
Sie lacht mit ihm und küsst ihn freyer,
78
Kein neidisch Auge darf sie scheun;
79
Dein grauer zartgewebter Schleyer
80
Hüllt sie in leichte Schatten ein.

81
Wie still wird izt die Luft! – Die Winde,
82
Wie lieblich sind sie und wie schwach!
83
Sanftlispelnd spielt das Laub der Linde,
84
Und sanfter lispelt Echo nach.

85
Durch Blumen rinnt die Silberquelle;
86
Es wäscht dem Ohr vernehmlich kaum
87
Mit klagendem Geräusch die Welle
88
Der schauervollen Grotte Saum.

89
Und immer dunkler wird die Hülle
90
Die deine Huld der Erde webt,
91
Und immer festlicher die Stille
92
Die alles nach und nach begräbt,

93
Bis daß gehört in Feld und Hütten
94
Kein Laut, kein Ton der Stimme wird,
95
Nur wo allein mit leisen Schritten
96
Noch heilige Betrachtung irrt.

97
Sie kömmt die Nacht, und alles lauschet,
98
Kein Stern erhellet ihr Gewand.
99
Ihr langsam schwerer Fittig rauschet,
100
Erquickt und schreckt das bange Land.

101
Der Gott des Schlafs fliegt ihr zur Seiten;
102
Die Phantasie, der Träume Flug,
103
Der Eulen banger Schwarm begleiten
104
Den ernsthaftfeyerlichen Zug.

105
Ein Mantel, der voll frischer Düfte
106
Sich stolz an ihrer Schulter bläht,
107
Fließt ausgewickelt durch die Lüfte
108
In stralenloser Majestät.

109
Und meiner müden Hand entsinket
110
Die Laute, die ich willig nahm,
111
Wenn vom Olympus hergewinket
112
Zu mir die jüngste Muse kam.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Heinrich Christian Boie
(17441806)

* 19.07.1744 in Meldorf, † 03.03.1806 in Meldorf

männlich, geb. Boie

deutscher Schriftsteller und Herausgeber

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.