Töffel und Käthe

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Töffel und Käthe (1772)

1
Zween fromme Wunderthäter,
2
Vom Ost bis West bekannt,
3
Durchwanderten, mit Ablaß
4
Bepackt, das Schwabenland.
5
Verbannten manchen Kobold
6
Und manchen bösen Alp,
7
Und heilten manchen Junker
8
Und manches kranke Kalb.

9
Sie kamen, als die Sonne
10
Zum Ocean entwich,
11
Und flötend Hirt und Schäfer
12
Durch Abendschatten schlich,
13
In ein umbüschtes Dörfchen,
14
Ersahn des Amtmanns Haus,
15
Und baten, tiefgebücket,
16
Sich eine Mahlzeit aus.

17
Der Amtmann sprach: ihr Herren,
18
Kehrt in den Gasthof ein,
19
Ich habe keinen Braten,
20
Und keinen Tropfen Wein;
21
Und warf darauf die Hausthür
22
Vor ihrer Nase zu,
23
Und brummt' heraus zum Fenster:
24
Fort, angenehme Ruh!

25
Der Pfarrer und der Küster
26
Schalt sie nicht minder fort.
27
Sie stolperten durchs Dörfchen,
28
Und fanden keinen Port.
29
Doch endlich guckte Töffel
30
Zum Stubenfenster aus,
31
Und lud die Wunderthäter
32
Durch einen Wink ins Haus,

33
Empfieng, mit bloßen Haupte,
34
Die Herren an der Thür,
35
Und murmelte: mein Kätchen,
36
Hohl eine Kanne Bier,
37
Daneben Brodt und Butter,
38
Und Schweizerkäs' und Wurst. –
39
Sie stillten ihren Hunger,
40
Und löschten ihren Durst;

41
Erzählten, nach der Mahlzeit,
42
Am hellen Tannenfeur,
43
Dem lieben Wirth und Wirthin,
44
Viel hundert Ebentheur:
45
Daß sie den Teufel einstens
46
Beym Hexentanz ertappt,
47
Der sich in einen Schaafbock,
48
Mit langem Schwanz verkappt;

49
Die Hexen und den Teufel,
50
Der fürchterlich geblöckt,
51
Durch ein allmächtig Ave
52
Zur Hölle fortgeschreckt;
53
Die scheuslichsten Gespenster
54
In einen Sack geschnürt,
55
Und, bald in öde Schlößer,
56
In Wälder bald, geführt.

57
Sie schwatzten, bis der Morgen
58
Durchs Hüttenfenster schien.
59
Herr Bruder, sprach der eine
60
Zum andern: laßt uns ziehn.
61
Was ziehn? Nein, dieses Dörfchen
62
Soll, eh wir weiter gehn,
63
Das schwör ich dir, Herr Bruder,
64
Ein Strafexempel sehn.

65
Schnell rollten Wetterwolken,
66
Von Blitz und Donner schwer,
67
Herauf; die Fluthen stürzten
68
Schnell auf das Dorf daher;
69
Des Blitzes Feuerflügel
70
Schoß durch die Luft dahin;
71
Der Amtmann schwamm im Waßer
72
Nebst seiner Amtmannin.

73
Nicht minder schwamm der Pfarrer,
74
Erbärmlich anzuschaun,
75
Im Schlafrock und Pantoffeln.
76
Das Schrecken und das Graun
77
Saß auf den Waßerwogen.
78
Es flatterte, voll Schaums,
79
Manch knotigte Perücke
80
Im Wipfel eines Baums.

81
Kontuschen, Strümpfe, Mieder,
82
Und Hauben sonder Zahl,
83
Des Pfarrers Priestermantel,
84
Und Kragen allzumal,
85
Durchtaumelten die Fluthen,
86
Nebst einem halben Schock
87
Zerrißner blauer Hosen,
88
Und manchem Unterrock.

89
Des Küsters Festperücke
90
Hieng, jämmerlich durchnäßt,
91
Am Wetterhahn des Thurmes,
92
Wie man berichtet, fest.
93
Kein Eselein, kein Oechslein,
94
Kein Mensch entkam der Fluth;
95
Der fette Braten schmeckte
96
Dem, Gott sey bei uns, gut.

97
Die Mönche sagten: Töffel,
98
Du bist dem Tod entflohn;
99
Die andern Bösewichter
100
Empfiengen ihren Lohn.
101
Dein kleines, schwarzes Hüttchen,
102
Du guter Biedermann,
103
Soll eine Kirche werden,
104
Mit einem Thurm daran.

105
Urplötzlich stand die Kirche,
106
Mit ihrem Thurme, da.
107
Er machte große Augen,
108
Wie er die Kirche sah.
109
Der Keßel ward zur Glocke,
110
Und hieng itzt umgekehrt,
111
Der Sorgestuhl zur Kanzel,
112
Und zum Altar der Heerd.

113
Voll trunkener Entzückung,
114
Sprang er auf einem Bein,
115
Und rief: daß dich der Teufel,
116
Hier möcht' ich Pfarrer seyn!
117
Die Mönche lachten Beifall.
118
Ein geistlicher Ornat,
119
Ein kahler Rock und Mantel
120
Lag schon für ihn parat.

121
So kam
122
Der gute Mann zu Brodt.
123
Er malte seinen Bauern
124
Die Hölle ziemlich roth.
125
Sein Element war Ruhe,
126
Sein
127
Der Armstuhl und die Zeitung
128
War ihm Elysium,

129
Saß, mit verschränkten Beinen,
130
Verhüllt in Petumduft,
131
Und bließ manch blaues Wölkchen
132
Zufrieden in die Luft.
133
Sein Kätchen war ein Muster
134
Von einer braven Frau;
135
Kein Auge war im Dörfchen
136
So heiter und so blau!

137
Kein Ehestand vergnügter,
138
Seit Adam Evgen nahm.
139
Er laß in der Postille,
140
Sie saß am Näherahm.
141
Dann zogen ihre Wangen
142
Des Gatten frommen Blick
143
Vom heiligen Gepolter
144
Des Bußsermons zurück.

145
Dann regneten die Mäulchen
146
Auf ihren rothen Mund;
147
Ein hübsches festes Siegel
148
Für ihren Ehebund!
149
So rollten Jahr auf Jahre,
150
Voll süßer Freud', herum.
151
Die beiden Gatten lebten
152
Beynah ein Seculum,

153
Betraten endlich beide,
154
Steinalt und lebenssatt,
155
An einem Mayenmorgen,
156
Den düstern Todespfad.
157
Vor ihrem Tode giengen
158
Viel Ahndungen vorher:
159
Ihr Sterbelichtgen hüpfte
160
Den Kirchenweg daher.

161
Der Spuk des Todtengräbers
162
Grub, was nachher geschah,
163
Um Mitternacht, zwo Grüfte,
164
Wie Heinz der Küster sah.
165
Das Heimchen zirpte kläglich,
166
Das lange nicht gezirpt.
167
Gelt, sagten alle Bauern:
168
Gelt, unser Pfarrer stirbt.

169
Sie starben beide richtig.
170
Ihr grauer Leichenstein
171
Kann, wenn ihr es nicht glaubet,
172
Davon ein Zeuge seyn.
173
Holunderbüsche ragen,
174
Um ihre Gruft, empor,
175
Und flüstern manchen Schauer
176
Der Dörferinn ins Ohr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.