An die Phantasie

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: An die Phantasie (1772)

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Rosenwangigte Phantasie,
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Die du Bilder ins Herz deiner Vertrauten mahlst,
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Die Vergangenheit aus dem Schoos
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Ihrer Mitternacht rufst, hinter den Schleyer blickst,
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Der das Auge der Zukunft deckt,
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Dich gen Himmel erhebst, unter Verklärten wallst,
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In die Harfen der Engel singst,
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Und den blendenden Thron Gottes von ferne schaust;
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Beut mir immer den Schwanenarm!
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Reiß mich flügelgeschwind, über die Wolkenbahn,
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In den goldenen Sternensaal!
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Oder wandle mit mir, holde Begleiterin,
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In die Tage des Flügelkleids,
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Die, im scherzenden Tanz, über mein Haupt entflohn,
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In die Tage der ersten Glut! – –
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Rollt mein Leben zurück? Zauberin Phantasie,
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Wohin zauberst du meinen Tritt? – – –
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Gaukelnd hüpf' ich daher, hasche den Schmetterling,
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Der am Busen der Rose trinkt,
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Baue Hütten mir auf, flügle den bunten Ball
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Durch die Bläue der Sommerluft! – –
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Welche Göttergestalt! Unschuld, die Minnerin
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Dieser friedlichen Schäferflur,
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Führt ein Mädchen am Arm. Heller und röther blühn
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Alle Wangen des Blumenvolks,
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Das den schmeichelnden Kuß ihres Gewandes fühlt.
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Itzt, itzt schlüpft sie dahin, und mir
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Lacht ihr Seelenblick, mir! – – Seh ich die Laube dort,
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Wo mein Busen an Agathons
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Busen fröhlicher schlug, wo wir den Abendstern
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Oft den Himmel besteigen sahn?
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Reizend bist du mir stets, schattendes Rebendach,
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Wo dein Wonnegespräch, o Freund,
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Dein geselliger Scherz, Flügel des Augenblicks
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Mancher seeligen Stunde gab! – –
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Flieh das blumichte Grab, flüchtige Führerin,
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Wo die göttliche Lilla schläft!
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Flieh, sonst bricht mir das Herz! – Schwinge dich wolkenan,
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Und bewalle mit mir den Stern,
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Wo, mit Morgengewölk röthlich umhüllt, ihr Geist
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An melodischen Quellen irrt,
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Und den Strom des Gesangs, welcher den goldenen
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Engelharfen entrauschet, trinkt! – –
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Wonne! Wonne! die Welt taumelt zurück! Ich bin
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Am Gestade des lichten Sterns!
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Lilla hüpfet heran, leitet mich an der Hand
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Unter Chöre der Seeligen.
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Engel stehen umher, werfen mir Kronen zu,
49
Winden Palmen mir um den Schlaf – –
50
Weil auf diesem Gestirn immer, o Phantasie!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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