Die Ruhe

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Die Ruhe (1771)

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Tochter Edens, o Ruh, die du die Finsterniß
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Stiller Hayne bewohnst, unter der Dämmerung
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Mondversilberter Pappeln,
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Mit verschlungenen Armen, weilst;

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Mit dem Schäfer im Hayn flötest, der Schäferin,
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Unter Blumen der Au, lächelnd entgegenkommst,
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Und dem Schellengeklingel
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Ihrer tanzenden Schäfchen lauschst.

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Wie der Jüngling die Braut liebet, so lieb ich dich,
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Allgefällige Ruh! spähte dir immer nach,
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Bald auf blumigen Wiesen,
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Bald im Busche der Nachtigall.

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Wie der Pilger den Quell suchet, so sucht ich dich,
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Ach, und seufzete: Ruh, bist du, wie Morgentraum,
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Mit den Jahren der Kindheit,
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Dann auf ewig von mir entflohn?

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Endlich flüsterst du mir, Herzenerfreuerin,
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Mit dem Wehen des Strauchs, Wehen des Uferschilfs,
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Mit dem Zittern des Laubes,
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Deinen Himmel in meine Brust!

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Ueberirdisch Gefühl säuselt mich an, und bebt
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Durch mein innerstes Mark! Riß sich der Himmel auf,
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Kam die Pilgerin Edens,
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Wonne Gottes, herab zu mir?

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Jeder Lispel des Baums, jedes Geräusch des Bachs,
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Jedes ländliche Lied, welches dem Dorf entschallt,
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Ist mir Zauber der Sphären,
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Und Geflüster der Seraphim.

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Hingegoßen auf Thau, blick ich den Abendstern,
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Den Gespielen der Ruh, blick ich den Mond hinan,
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Der so freundlich, so freundlich
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Durch die nickenden Wipfel schaut.

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Ruh, o lächle mir stets, wie du mir lächeltest,
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Als mein wallendes Haar, mit der entknospeten
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Frühlingsblume bekränzet,
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Abendwinden zum Spiele flog.

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Keiner Städterin Reiz, weder ein blaues Aug,
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Noch ein kußlicher Mund, soll mich aus deinem Arm,
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Zu den Hallen des Tanzes
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Locken, oder des Opernspiels.

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Weile, weile bey mir, unter dem Hüttendach,
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Allgefällige Ruh, bis du mich an der Hand
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Eines Engels den Lauben
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Der Verklärten entgegenführst.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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