An die platonische Liebe

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: An die platonische Liebe (1771)

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Dir, o Liebe, schallet meine Laute,
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Die dem Plato, den sie sich erlas,
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Rosenhütten am Ilißus baute,
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Mit ihm in den Hütten saß,

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Unter Valchiusens Lorbeerschatten,
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Taumel über dich, Petrarca, goß,
7
Bald am Bache, bald auf bunter Matten,
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An den Schwanenbusen schloß.

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Die der Seele neue Flügel leihet,
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Sie in heilge Phantasien wiegt,
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Zum Genuß der Götterfreuden weihet,
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Und mit ihr gen Himmel fliegt.

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Ihr die goldne Himmelsthür entschließet,
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Sie dem Engelchor entgegenführt,
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Das sie Schwester, und Gespielin grüßet,
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Und mit Palmenkronen ziert.

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Sorgen, die sich in die Seele stahlen,
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Mit der Wurzel aus der Seele reißt,
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Tausend übervolle Taumelschaalen
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Durch ihr Innerstes ergeußt.

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Jeden Keim des Lasters niederdrücket,
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Jeden Keim der Tugenden enthüllt,
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Sanftmuth, Unschuld in die Herzen blicket,
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Und der Gottheit Ebenbild.

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Wie der Jüngling, voll Begeisterungen,
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In dem Feuer deines Taumels glüht,
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Der, an seines Mädchens Arm geschlungen,
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Dich auf Purpurwolken sieht!

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Wonnebilder gleiten, auf den Schwingen
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Der Entzückung, durch den Hayn dahin,
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Engel, die zu goldnen Harfen singen,
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Kränzen seine Schäferin.

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Alles freuet sich des Götterkindes,
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Süßer lispelt jedes Buchenblat,
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Milder weht der Hauch des Abendwindes,
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Der ihr Haar gefächelt hat.

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Götter tanzen mit ihr durch die Fluren,
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Seelge Geister folgen jedem Schritt,
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Neue Blumen wehen in den Spuren,
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Die das holde Mädchen tritt.

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Heller wird die Luft um ihre Wangen,
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Von den Engelharfen, welche nie
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Süßer in den Lauben Gottes klangen,
44
Strömt ein Strom von Melodie.

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Liebe, Mutter holder Schwärmereyen,
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Die das Herz zu Gott zu heben weiß,
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Lächle mir den Wintermond zum Mayen,
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Streue Blumen auf das Eis.

49
Welch ein Himmel um mich! Laura wallet
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Durch die weißbereifeten Alleen.
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Heil mir! Aus den todten Wipfeln schallet
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Überirrdisches Getön.

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Vögelchen erwachen aus dem Schlafe,
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Kräuter keimen auf, der West erwacht,
55
Durch die bunten Kräuter hüpfen Schafe,
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Alles freut sich, alles lacht.

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Sie verläßt, mir einen Gruß zu nicken,
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Itzt die Lindengänge, wo sie schlich.
59
Welche Himmelsfreude, welch Entzücken,
60
Götter, überströmet mich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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