An eine Quelle

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: An eine Quelle (1771)

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Heil dir, o Bach, der durch die grünen Netze,
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Gewebt von Haselstauden, fließt,
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Und durch die Flur, mit frölichem Geschwätze,
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Die volle Silberurne gießt.

5
Der junge Lenz bemale dein Gestade
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Mit Regenbögen, lieber Bach:
7
Stets wähle dich das schönste Kind zum Bade,
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Und dein Gebüsch umher zum Dach.

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Hier ist der Platz, wo jüngst der erste Funken
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Der Lieb' in meinen Busen sank,
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Wo jüngst mein Geist, so wonnevoll, so trunken,
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Den ersten süßen Taumel trank.

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Verdecket vom Gebüsch, saß ich und blickte
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Zum andern bunten Ufer hin,
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Wo Chloe saß und Mayenblumen pflückte,
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Gleich einer jungen Huldgöttin.

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Das Abendroth vergoldete die Hügel,
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Die falbe Dämmerung umzog,
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Wie da mein Geist, auf der Entzückung Flügel,
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Fern über alle Himmel flog.

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Wie schlug mein Herz! Wie warf ich durch die Decken
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Der grünen Zweige Blick auf Blick!
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Nichts konnte mich aus meinem Rausche wecken,
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Nie wich mein Aug' von ihr zurück.

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Ich träumte mich in goldne Paradiese,
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Sah Nektar und Elysium
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Statt meines Bachs, statt meiner bunten Wiese,
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Um meinen trunknen Blick herum.

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So saß sie lang auf Mayenblumenglocken,
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Grub mir ihr Bild in meine Brust,
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Und band mein Herz an ihre blonden Locken.
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Wie schwamm ich nicht im Meer von Lust!

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Wie lieb' ich dich, o silberweiße Quelle,
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Wo Chloe unter Blumen saß
35
Und mit der Hand, so weiß wie deine Welle,
36
Die schönsten Frühlingsblümchen las.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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