Elegie auf einen Stadtkirchhof

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Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Elegie auf einen Stadtkirchhof (1771)

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Hespers Lampe funkelt schon im Westen,
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Abendlüftchen buhlen
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Mit den Wiesenblumen, mit den Büschen,
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Die der Frühling röthet.

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Zephyr scherzet mit des Mädchens Busen,
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Das der Stadt entfliehet,
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Und am Arme eines bunten Stutzers
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Durch die Wiese gaukelt.

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Gaukelt nur, ihr bunten Schmetterlinge!
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Andre Scenen laden
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Mich zur Grotte, wo die Schwermuth lauschet,
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Der Betrachtung Mutter.

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Wie der Fackeln goldne Locken wallen!
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Wie der Leichenwagen
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Durch das Stadtthor rollet! Wie die Wehmuth
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Aus den Augen träufelt!

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Mische dich, o Muse, in die Reihen,
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Die der Bahre folgen,
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Wandle auf den Kirchhof, wo der Städter
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Unter Marmor schlummert.

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Weile bey den goldnen Mausoläen,
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Bey den Aschenkrügen,
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Die den Vorhang vor die bunte Scene
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Dieses Lebens ziehen.

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Rosenwangen liegen hier im Arme
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Der Verwesung, Hände,
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Die so schön den Fächer schwangen, Füße,
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Wie des Windes Flügel.

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Arme Schönen! wo sind nun die Grübchen,
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Wo die Scherze saßen
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Und die Herzen raubten, wo Gott Amor
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Seine Pfeile spitzte?

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Moder naget an dem schönen Schleyer,
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Den ein Geist bewohnte,
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Der nur Moden, Opern, Aßambleen
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Und Redouten dachte.

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Nacht verschließt die großen blauen Augen,
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Deren Blick den Himmel
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Oefnete, die schmelzende Entzückung
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In die Seelen blitzten.

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Zauberische Augen! Sie erblickten
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Nie die Morgenröthe,
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Hiengen lieber an der goldnen Weste,
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Als an Frühlingsblumen.

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Auch der bunte Schmetterling, der Stutzer,
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Der die kleine Spanne
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Seines Lebens durchgeflattert hatte,
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Hört hier auf zu flattern.

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Todesschlummer sitzt auf seiner Scheitel,
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Die er jeden Morgen
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Mit Romanenscherzen, seine Schönen
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Zu bezaubern, füllte.

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Welch Gewühl von Hügeln! Wollüstlinge,
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Deren Blumentage
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Lauter Spiele, lauter Scherze waren,
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Ruhen unter Wuchrern.

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Lieblinge Lyäens, welche Rosen
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Um die Becher wanden,
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Ruhen unter Krämern und Pedanten,
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Unter Waßertrinkern.

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Dummheit schlummert bey Talenten, Reichthum
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Bey dem Bettlerstabe,
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Freude, deren Herz sich auf der Stirne
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Malet, bey der Schwermuth.

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Wie sich jene Marmorsäule brüstet,
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Die vielleicht die Asche
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Eines Harpagon mit Pomp bekleidet,
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Der nur Münze zählte.

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Staunend gafft der Pöbel nach der Säule,
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Nicht nach jenem Hügel,
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Dort im Winkel, den ein blauer Teppich
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Von Violen kleidet.

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Sey gegrüßt, du Hügel, wo ein Liebling
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Der Kamönen ruhet,
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Der den Busen oft durch seine Laute
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In Entzückung schmelzte.

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Seine Laute tönte durch die Dämmrung,
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Wenn der junge Morgen,
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Mit dem goldnen Kleide, mit den Rosen
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Um die Stirn' erwachte.

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Welche Freude, wenn in jeder Perle,
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Die am Wipfel klebte,
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Eine kleine Morgensonne blitzte,
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Schlug in seinem Busen!

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Hingegoßen auf den Blumenteppich,
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Sah er, wie die Wellen
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Plätschernd mit den bunten Kieseln scherzten,
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Die den Boden deckten.

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Einsam schlich er durch die Lindengänge,
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Wenn die Sterne glänzten,
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Und der Mond den Saum der grünen Schatten
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Uebergoldet hatte.

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Klaget ihn, den guten Hainenwandler,
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Espenwipfel! Wieget
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Eure lauen Flügel, Sommerlüftchen,
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An dem frommen Hügel!

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Mädchen, wenn ihr seinen Hügel sehet,
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Pflücket eine Blume
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Mit den Perlen, die an ihrem Busen
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Hangen, von dem Grabe.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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